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Alsdorf/Aachen: „Konzert ohne Frack” mit dem Sinfonieorchester zu Chaplins „City Lights”

Alsdorf/Aachen : „Konzert ohne Frack” mit dem Sinfonieorchester zu Chaplins „City Lights”

Als „Filmdirigent” ist er ein leidenschaftlicher Autodidakt: Mit „City Lights” (Lichter der Großstadt) präsentiert das Sinfonieorchester Aachen unter seinem Ersten Kapellmeister Daniel Jakobi (29) nach „Goldrausch” jetzt die zweite Produktion im Rahmen der unkonventionellen Reihe „Konzert ohne Frack”.

Premiere ist am Dienstag, 13. Februar, 20 Uhr, im Cinetower Alsdorf, zwei weitere Konzerte gibt es am Montag, 26. Februar, und Dienstag, 27. Februar, jeweils 20 Uhr, im Großen Haus der Theaters Aachen.

Die Erarbeitung eines solch ungewöhnlichen Konzerts, bei dem das Orchester live zum Film spielt, ist eine spannender Vorgang. „Ich lerne den Film quasi Millimeter für Millimeter auswendig”, beschreibt Jakobi seine Arbeit. Für eine Minute Film braucht er dabei etwa eineinhalb Stunden Übung. Studiert werden auch Schnittwechsel und Schnittrhythmus.

„Manchmal wechselt das Bild mitten im Takt, das kann sehr kompliziert sein.” In der Partitur sind die jeweiligen Szenen mit Sätzchen wie „Charly geht nach links” oder „Charly steht vor dem Schaufenster” gekennzeichnet. Danach kommt durch beständiges Wiederholen die Routine.

Die komplette Partitur zu „City Lights” stammt von Chaplin persönlich, der nicht nur Hauptdarsteller ist, sondern auch Regie geführt hat. 1931 war „City Lights” fertig, danach gab es keinen Stummfilm mehr. „Aus Frankreich kam die Erfindung des Tonfilms”, so Jakobi, der inzwischen ein Experte der Materie geworden ist. „Chaplin hat wohl auch schon ein frühes Tonfilmangebot bekommen, aber er reagierte nicht, weil er so beschäftigt war.”

Wie beurteilt Jakobi die Komposition? „Er ist seinem Stil treu geblieben, setzt aber noch stärkere Akzente bei den jeweiligen Szenen. Er arbeitet perfekt mit den Stilmitteln des Films.” So hat etwa das blinde Blumenmädchen, in das sich Charlie verliebt und dem er helfen will, eine Erkennungsmelodie. Charakteristisch für Chaplin: Selbst in heitere Szenen schleicht sich leise Melancholie ein, gibt es „eine Träne im Auge”, wie es Jakobi ausdrückt.

Eine komplette Komposition war bei Stummfilmen nicht immer üblich. „Die traditionellen Stummfilmorchester hatten ein Repertoire von etwa 400 Stücken, die sie auf Zuruf des Dirigenten spielten”, wirft er einen Blick in die Vergangenheit. Als der Tonfilm kam, wurden viele Musiker arbeitslos.” Wenn Jakobi heute in ältere Lichtspielhäuser kommt, wird er wehmütig: „Man erkennt noch ganz genau den Orchestergraben.”

Neben den 70 Orchestermusikern kommen spezielle Effekte zum Einsatz. „Die Polizeisirene aus dieser Zeit hat uns eine alte Dame geliehen, die in der Produktion ,Luise, der Führer ruft´ mitgemacht hat”, erzählt Jakobi. Dann braucht man noch eine Trillerpfeife. Und um den dumpfen Aufschlag eines dicken Steins hörbar zu machen, wird sogar ein Holzklotz herangeschafft.

Nach dem Erfolg des ersten „Kino-Konzerts” weiß Jakobi, dass sich die sehr aufwändige Arbeit lohnt. „Für die Zuschauer ist es toll, dass da 70 Leute sitzen, die etwas für sie tun, während der Film läuft.” Für ihn persönlich hat die Arbeit zur Erkenntnis des Genies Charly Chaplin geführt. „Als Kind hat er mich ehrlich gesagt nicht wirklich interessiert, ich fand ihn nicht mal komisch”, gesteht er.

„Heute entdecke ich den Witz, die Qualität und auch die Tiefsinnigkeit dieser Filme, je häufiger ich sie ansehe.” Seine Lieblingsszene in 87 Minuten „City Lights” ist übrigens der Boxkampf, bei dem der kleine Charly gegen eine großen Brocken antreten muss - und sich geschickt wehrt.