1. Kultur

Aachen: Konzentration aufs Wesentliche

Aachen : Konzentration aufs Wesentliche

Ein Unschuldslamm ist sie gewiss nicht, sondern eine für ihre Zeit ungewöhnlich offene, lebenshungrige und schon auf der hoch fliegenden Schaukel ihrer Kindertage extrem risikofreudige Persönlichkeit: „Effi Briest”.

Theodor Fontanes Roman spielt zwischen 1870 und 1889, also im zweiten deutschen Kaiserreich mit Wilhelm I. als Kaiser, in einer Gesellschaft, in der Regelverstöße nicht toleriert wurden.

Sechs Stühle und ein Tisch

Lukas Popovic überlässt (und erlaubt) es in seiner Aachener Inszenierung in der Kammer dem Publikum, sich Räume und Äußerlichkeiten mittels eigener Fantasie zu gestalten. Die Bühne (Mascha Deneke) ist lediglich mit sechs schlichten, gepolsterten Stühlen, wie sie in Seminarräumen stehen, und einem rechteckigen Tisch ausgestattet.

Die Wände sind mit hellgrauen Vorhängen verdeckt. Drei Personen erzählen und spielen. Heino Cohrs ist Effis Vater und wird zudem ein paar andere, eingeblendete Gestalten der Erzählung sprechen. Schwarze bequeme Hose, schwarze Jacke, hellblaues Hemd - als ob er gerade aus dem Zuschauerraum kommt.

Lässig auch Thomas Hamm, der die beiden Männer in Effis Leben verkörpert, und Stefanie Dischinger als Effi, für die Mascha Deneke bei aller Zurückhaltung in der Ausstattung ein Kleid mit klarer Aussage entworfen hat: dunkelblau, mit lockenden roten Bändern besetzt, einem Matrosenkragen als Zeichen der Kindheit und einem tiefen runden Ausschnitt, der Weiblichkeit und Lebenslust signalisiert.

Lukas Popovic verlässt sich auf das starke Wort, gut gesprochen von großartigen Akteuren. Allen voran der Senior des Hauses, Heino Cohrs. Er lebt in den Texten Fontanes, setzt die ironische, lebenserfahrene Heiterkeit, die besorgten Selbstzweifel, die nachsichtige Liebe zur Tochter, aber auch die etwas müde, späte Einsicht („Ach Luise, das ist ein weites Feld...”) mit einer Selbstverständlichkeit um, dass man keinen Moment missen möchte. Selbst im schweigenden Beobachten ist er ein beredter Kommentator - ein Schmunzeln, ein tiefernstes Beiseiteschauen, und man weiß, was er denkt.

Stefanie Dischinger lässt eine Effi aufleben, wie sie in Verfilmungen oder Bühnenumsetzungen kaum sichtbar wird, obwohl Fontane sie genau so skizziert hat: Eine junge Dame, die zwar unerfahren ist, aber ehrgeizig und durchaus berechnend handelt, die eine für damalige Zeiten ungewöhnliche Lust am Risiko verspürt, mit Spannung ihre Umgebung erkundet und sogar die mit Leidenschaft gelebte Affäre hinter sich lässt.

Der Fund der Liebesbriefe ist ein Zufall, der sie einholt, ist die „gesellschaftliche Spielregel”, die ihr zeigt, dass es bestraft wird, wenn man nicht konform bleibt und sie bricht. Erschreckend deutlich wird ihr dies, als sie ihre Tochter nach der Scheidung als „dressiertes” Kind trifft. Plötzlich ist Effi erwachsen, und das tut weh.

Unpassende Lacher

Wandlungsfähig in der Doppelrolle als steifer Baron von Innstetten und verführerischer Crampas beweist Thomas Hamm, dass im Mann beides leben kann. Im Konflikt, ob er den einstigen Liebhaber der Frau zum Duell fordern soll, erkennt man, wie sehr Innstetten in die Regeln der damaligen Gesellschaft eingeschnürt ist, und für einen Moment („Ich liebe sie so...”) wird er richtig sympathisch. Dass er allerdings den Part der kleinen Tochter Annie beim Treffen mit der Mutter übernimmt, ist sehr ungeschickt und weckt unpassende Lacher im Publikum. Warum darf Effi hier nicht aus der Erinnerung sprechen?

In ihrer sorgfältig gestalteten Textfassung sorgt Dramaturgin Ann-Marie Arioli immer wieder für Überblendungen, rückt spätere Aussagen nach vorn, spart anderes aus. Das ist geschickt, fördert Einsichten und Spannung. Popovic lässt seine Akteure zügig erzählen und agieren. Im Stil einer Studiobühne konzentriert er bis zum Ende mit Effis Sterben alles auf das innere Geschehen. Das gelingt, verlangt aber vom Zuschauer ein großes Maß an Konzentration und eine zumindest grundlegende Ahnung von Text und Autor.

Ein ausgesprochenes „Kammerspiel” eben, das mutig auf die Kraft der Dichtung setzt. Langanhaltender Beifall.