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Düsseldorf: Kontroverse Bild-Erotik: Helmut Newtons große Werkschau in Düsseldorf

Düsseldorf : Kontroverse Bild-Erotik: Helmut Newtons große Werkschau in Düsseldorf

Die umfangreiche Werkschau von Helmut Newton ist schon um die ganze Welt gereist: von Berlin über Tokyo nach New York und Moskau.

Als letzte Station zeigt das NRW-Forum für Kultur und Wirtschaft 220 Fotografien des 82-jährigen Künstlers, der besonders mit seinen erotischen Arbeiten, den „Big Nudes” und „Dummies” heftige Kontroversen auslöste.

Die monumentalen Nacktbilder, Porträts berühmter Menschen und Modeaufnahmen aus vier Jahrzehnten sind ab heute in Düsseldorf zu sehen.

Gerhard Schröder in Lebensgröße. Mit einer Hand in der Hosentasche gibt er sich beim Fototermin vermeintlich lässig, aber die Situation ist alles andere als das.

Schröder steht in eine Hannoveraner Häuserecke gedrängt, sein Blick ist suchend, eher besorgt, was so kommen mag.

In der Hand hält er einen alten Koffer. So einen, wie ihn der Fotograf Helmut Newton selbst in der Hand gehabt haben könnte, damals, als er 1938 als Sohn eines jüdischen Knopffabrikanten aus Berlin nach Australien floh. Das Bild hat außer der schieren Größe wenig staatsmännische Ausstrahlung.

Stattdessen ist es der Beweis, dass es trotz aller Auseinandersetzungen um Newtons tabubrechende Nacktbilder eine große Ehre war, von ihm vor die Linse gebeten zu werden.

Newton brachte Menschen dazu, sich freiwillig in Posen und Situationen zu begeben, die ihnen wohl niemand sonst abverlangen konnte und die Wesenszüge offenlegten, die vielleicht sogar den abgelichteten unbekannt waren.

„Ich fotografiere die Menschen, die ich liebe und verehre - die Berühmten und besonders die Berüchtigten”, sagt Newton.

Und so blicken einen in Düsseldorf in einer Galerie der Prominenz die fast 100-jährige und immer noch sehr eitle Leni Riefenstahl, der selbstsichere Anthony Hopkins oder der abschätzig dreinschauende Jean-Marie Le Pen (mit zwei Bluthunden) an.

Newtons wahres Objekt der Begierde bleibt aber die Frau in ihrer Erotik, Eleganz und luxuriöser Dekadenz, und darauf liegt auch der Schwerpunkt der Retrospektive, die seine Frau June Newton - ebenfalls Fotografin - zu seinem 80. Geburtstag kuratiert hat.

Seit Anfang der 60er fotografierte Newton für die französische „Vogue”. Schnell entwickelte er eine provokante Bildsprache mit seiner Modefotografie, die wegen starker sexueller Akzente - viel Haut und laszive Körperhaltungen - heftige Kontroversen auslöste.

Die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer giftete Anfang der 90er Jahre noch, Newton sei „unstreitig führend in der Porno-Avantgarde” und erklärte ihn „als Mann” zum Täter und Opfer zugleich.

Zu seinen umstrittensten Werken zählen die Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus seiner Reihe „Big Nudes”: Ab den 80er Jahren lichtete Newton seine Models nackt und höchstens mit Stöckelschuhen bekleidet vor neutralem Hintergrund ab.

In Düsseldorf hängen die lebensgroßen Abzüge auf Augenhöhe und entfalten so eine unglaubliche Kraft. Die „großen Nackten” lassen alles andere als Nähe zu. Sie sind stark und siegessicher, kühl und unnahbar. Wer ihnen zu lange in die Augen schaut, den fröstelt es.