Eschweiler: Konstantin Wecker über die „Kunst des Scheiterns“

Eschweiler: Konstantin Wecker über die „Kunst des Scheiterns“

Es ist eine Geschichte des Scheiterns und Hinfallens, aber auch des Wiederaufstehens und Weitermachens, die Konstantin Wecker in seinem neuen Programm „Jeder Augenblick ist ewig“ erzählt. Es ist seine eigene Geschichte.

Der 66-jährige Liedermacher und Poet liest aus seinem Gedichtband gleichen Titels, zitiert aus autobiografischen Büchern, schöpft aus seinem Liederrepertoire — und erzählt, ganz persönlich, sehr intim. Eigentlich sollte das Programm als Solo über die Bühne gehen, doch Wecker hat sich die Schulter gebrochen und sich deshalb Verstärkung geholt. Wie das funktioniert, auch beim anstehenden Auftritt in Eschweiler, beschreibt er im Gespräch mit unserem Redakteur Hermann-Josef Delonge.

Wie geht es Ihrer Schulter, Herr Wecker?

Wecker: Die Genesung macht täglich kleine Fortschritte, aber an Klavierspielen ist in den nächsten vier Wochen nicht zu denken.

Die Rampensau Konstantin Wecker steht auf der Bühne, und jemand anderes spielt für ihn Klavier: Das ist schlechtweg unvorstellbar.

Wecker: So ist es. Manche Menschen denken ja, es sei schwierig, Klavier zu spielen. Aber Sie können sich nicht vorstellen, wie schwierig es ist, nicht Klavier zu spielen — für mich jedenfalls. Aber das bringt auch ganz neue Erfahrungen mit sich. Jo Barnikel und ich, wir kennen uns seit 20 Jahren. Es ist unglaublich zu sehen, wie er meine Art, Klavier zu spielen, übernommen hat. Das gibt mir die Freiheit, ganz neue Dinge in der Interpretation meiner Lieder zu entdecken, weil ich mich aufs Singen konzentrieren kann. Aber manchmal hält es mich auch nicht, und ich muss mich mit meiner rechten Hand doch noch auf seinem Klavier einmischen. Wir spielen dann dreihändig.

Ihr Programm scheint eine Art Bilanz dessen zu sein, was Sie bislang nicht nur künstlerisch gemacht haben. Hat das auch etwas mit Ihrem Alter zu tun?

Wecker: Natürlich. Ich habe mittlerweile einfach einen gewissen Abstand zu so manchen Torheiten, die mir in meinem Leben unterlaufen sind. Der Abend hangelt sich an dem Grundkonzept meiner autobiografischen Skizzen entlang, der „Kunst des Scheiterns“. Das Ganze ist als Soloprogramm eine sehr intime Angelegenheit, bei der ich nicht nur singe und lese, sondern auch viel aus meinem Leben erzähle — nicht selten an jedem Abend etwas anderes.

Die Poesie ist ein großer Bestandteil Ihres Programms. Wo bleibt denn da die Wut, wo bleibt das Engagement, wo bleibt die Rebellion?

Wecker: Das alles ist schon dabei, keine Frage. Nach den fast drei Stunden merkt das Publikum hoffentlich, wie alles zusammenpasst, wie sich mein Engagement wie ein roter Faden durch mein Leben gezogen hat und noch zieht. Das hat viel mit meinen Eltern zu tun, die beide glühende Antifaschisten waren — nicht gerade die Regel in ihrer Generation. Aber man muss auch aufpassen, dass die Rebellion nicht zur Attitüde oder Pose verkommt.

In Ihrem Publikum dürfte ja auch so mancher sitzen, der früher rebellisch war und heute gut verdient und saturiert ist.

Wecker: Natürlich. Mich packt allerdings immer noch die Wut über bestimmte Dinge. Aber auch jemand, der „angekommen“ ist, muss doch hellwach werden, wenn er die Entwicklung der vergangenen Jahre in vielen Bereichen sieht — so er denn sein Hirn nicht vollkommen ausgeschaltet hat. Es gibt einfach vieles, was einen wütend machen kann.

Sie waren politisch immer sehr engagiert und haben etwa gegen Ungerechtigkeit oder Rechtsradikalismus angesungen. Wenn wir uns die Entwicklung der letzten Zeit ansehen: Die Illusion, dass Kunst etwas verändern kann, muss Ihnen doch gründlich vergangen sein.

Wecker: Ich habe nie geglaubt, dass man mit Kunst Politik machen kann. Aber wie würde die Welt denn aussehen, wenn es diesen Widerstand — auch in der Kunst — nie gegeben hätte, nie die Sehnsucht nach einer besseren und gerechteren Ordnung? Ich glaube, wir säßen dann im finstersten Mittelalter.

Sind Sie Optimist oder Pessimist?

Wecker: Weder noch. Ich habe aber Hoffnung. Denn ich bin in der glücklichen Position, bei meinen Auftritten Abend für Abend erleben zu können, dass es Hunderte Menschen gibt, die die gleiche Sehnsucht wie ich haben.

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