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Aachen: Komödie „Die Lüge“: Währt ehrlich am längsten?

Aachen : Komödie „Die Lüge“: Währt ehrlich am längsten?

Wie viel Wahrheit erträgt eine Freundschaft? Und schadet es der Liebe, immer ehrlich zu sein? Mit existenziellen Fragen wie diesen war am Freitag das Premierenpublikum von „Die Lüge“ im Aachener Grenzlandtheater konfrontiert.

Regisseur Jens Pesel konzentriert sich in seiner Inszenierung der französischen Komödie von Florian Zeller auf den Dialog zwischen den vier handelnden Personen, die — ähnlich wie im Kammerspiel „Gott des Gemetzels“ — in einem Pariser Wohnzimmer aufeinandertreffen. Sprechtext gibt es demnach viel, visuelle Handlung weniger. Auch das Bühnenbild ist auf das Wesentliche reduziert: Vier bunte Sitzsäcke laden zum Schlagabtausch ein.

Zwei Paare beim Abendessen

Der Grundkonflikt ist schnell erklärt: Das Ehepaar Alice (Julia Wolff) und Paul (Jonas Eckert) erwartet ihre besten Freunde Laurence (Franziska Arndt) und Michel (Guido Renner) zum Abendessen. Doch Alice hat keine Lust auf das Treffen, weil sie meint, Michel am Vormittag in einer verfänglichen Situation mit einer fremden Frau gesehen zu haben. Um die beiden auszuladen, ist es allerdings schon zu spät.

Also muss sich Alice entscheiden: Soll sie ihrer Freundin Laurence davon erzählen? Schließlich sei „die Wahrheit dem Menschen zumutbar“, zitiert sie Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Ihr Mann sieht das völlig anders. In manchen Situationen sei die Lüge freundschaftliches Wohlwollen, um Streit zu vermeiden. Gleiches gelte für die Liebe: „Würde sich alle Welt immer die Wahrheit sagen, gäbe es auf der ganzen Welt kein einziges Paar mehr.“

Alice wählt an diesem Abend den Mittelweg: Statt die Wahrheit auszusprechen, verstrickt sie sich in allerlei Anspielungen und Provokationen und erklärt das Thema „Lügen“ zum philosophischen Tischgespräch. Ihr Mann erfindet derweil immer wieder neue Anekdoten, um seine Frau vom Quatschen abzuhalten. In der Diskrepanz zwischen Pauls nervösem Verhalten und seiner ständigen Betonung, „völlig geschmeidig“ zu sein, liegt das komischste Potenzial des Stücks.

Aus Angst, die Freundschaft zum anderen Ehepaar und die Beziehung zu seiner Frau aufs Spiel zu setzen, redet sich der Schwindelstratege um Kopf und Kragen. Dabei stellt er die gesamte Palette der Lügenkunst zur Schau: dementieren, ablenken, anklagen. Rückendeckung erhält er von Michel und Laurence. Es sei eine Form von Weisheit, nicht alles wissen zu wollen, und die Lüge vielmehr ein „Hang zum Geheimnis“. Ist Alice etwa die einzig moralisch Handelnde des Quartetts? Und ist diese Moral überhaupt der Wahrheit letzter Schluss?

Der Reiz des rund 90-minütigen Stücks liegt weniger in dem banalen Thema Seitensprung, sondern vielmehr darin, wie sich im Laufe der raffinierten Dialoge Lüge auf Lüge türmt, bis am Ende der Betrüger zum Betrogenen und die Betrogene zur Betrügerin wird. Wer dieses ehrliche Stück über die Unehrlichkeit zusammen mit seinem Partner besucht, sollte sich im Anschluss auf die eine oder andere Diskussion gefasst machen . . .