Kommentiert: Gesamtkunstwerk!

Kommentiert: Gesamtkunstwerk!

Man gerät ins Schwärmen. Und das ist keine der landläufig bekannten kaiserstädtischen Übertreibungen.

Die drei Karlsausstellungen übertreffen die ohnehin schon hohen Erwartungen in beeindruckender Form. Dass sich zu dieser enormen Qualität mit bereits 2800 gebuchten Führungen (Das werden ohne die Einzeltickets fast 60.000 Besucher sein!) auch eine beachtliche Quantität gesellt, rundet das überaus positive, ja glänzende Bild ab.

Der 1200. Todestag Karls des Großen rückt Aachen in den historischen, medialen und touristischen Mittelpunkt: Das war angesichts dieses Gedenkjahrs klar. Aber wie würde es ankommen? Die Kompetenz der Kuratoren, das Zusammenarbeiten aller Beteiligten bei der Stadt Aachen, die Mitarbeit der externen wissenschaftlichen Experten und die Unterstützung von Sponsoren haben ein überzeugendes Gesamtkunstwerk entstehen lassen. Die Antwort auf die oben gestellte Frage ist eindeutig — eindeutig positiv!

Niemand, der an Geschichte und Kunst interessiert ist, sollte einen Besuch dieser Aachener „Highlights“ versäumen. Das wäre fahrlässig und unverzeihlich. Im Einzelnen:

„Hammer“ und „Stars“

Der „Hammer“, ebenso salopp wie treffend ausgedrückt, ist die Ausstellung im neuen „Centre Charlemagne“ am Katschhof mit dem Titel „Karls Kunst“. Die Kuratoren Peter van den Brink und Sarvenaz Ayooghi haben in höchst ambitionierter, hartnäckiger und diplomatischer Art geradezu sensationell anmutende Kunstwerke nach Aachen geholt. Die „Stars“ dieser Präsentation sind der Tassilokelch aus dem Benediktinerstift Kremsmünster aus der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts (zum ersten Mal überhaupt bei einer Ausstellung, was für eine Leistung der Kuratoren!) und die Fibel von Dorestadt, die 1969 in Utrecht gefunden wurde, eine wertvolle Mantelschließe und ein grandioses Prunkstück. Vorübergehend vereint sind in Aachen die Buchdeckel des Lorscher Evangeliars: Die Elfenbeintafeln aus der Hofschule Karls des Großen konnten aus den Vatikanischen Museen und aus dem Victoria-und-Albert-Museum London geliehen werden.

Um Karl den Großen ranken sich Mythen und Legenden, Dichtung und Wahrheit und originelle Geschichten, die mit einzelnen Kunstwerken und Exponaten der Ausstellungen zu tun haben. „Verlorene Schätze“ entdeckt man in der Domschatzkammer, wo Kurator Georg Minkenberg geradezu detektivische Arbeit geleistet hat.

Schwache Eröffnungsfeier

„Orte der Macht“ lautet der Titel im Krönungsaal. Dort werden mit spektakulären 3-D-Video-Mapping-Installationen (Karlsschrein, Pfalz), Videos, Tafeln, Modellen und Gegenständen Karls Leben als reisender und nach heutigen Maßstäben brutal kämpfender Kaiser und der Alltag seiner Hofgesellschaft erläutert. Die Rethel-Fresken erscheinen mit raffinierter Beleuchtung in völlig anderem Licht. Kurator Frank Pohle ist es gelungen, diese Aspekte unter Berücksichtigung von Karls Verhältnis zu Kirche, Bildung und Kultur ausgezeichnet zu dokumentieren.

Aachen zeigt sich mit diesen Ausstellungen von seiner besten Seite, und die Menschen aus der Region sollten sich sehen lassen — als Besucher. Da bleibt nur ein Wermutstropfen: die verpasste Chance einer angemessenen Eröffnung. Die Veranstaltung mit dem Bundespräsidenten kam über den Charakter einer ebenfalls von Reden geprägten Karlspreisverleihung leider nicht hinaus. Das war langweilig inszeniert und besaß nicht einen Hauch jener Faszination, die im Krönungssaal, im Centre Charlemagne und in der Domschatzkammer herrscht. Schade, da wäre viel mehr möglich gewesen!