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Köln: Kölner Experte: „Junge Leute begehen eher sichtbare Delikte”

Köln : Kölner Experte: „Junge Leute begehen eher sichtbare Delikte”

Nach Vorstellung der Kriminalstatistik 2006 ging plötzlich ein Aufschrei durchs Land. „Jugendliche in Deutschland werden immer brutaler” formulierte drastisch die Süddeutsche Zeitung und Spiegel online fasste knapp zusammen: „Deutschland verroht”.

Politiker schlugen Alarm, Fachleute forderten Konsequenzen. In der Tat schienen die vorgelegten Zahlen Beweis dafür zu sein, dass bei der Jugend gewalttätig etwas aus dem Ruder läuft. Doch ist dem wirklich so? Der Kölner Kriminologe Michael Walter ist da äußerst skeptisch - es könnte nämlich auch das Gegenteil der Fall sein.

Eine überraschende Sicht der Dinge, liefert die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) doch offenbar stichhaltige Belege zur zunehmenden Brutalisierung der Gesellschaft, gerade bei den Jungen: So steigt die Zahl der Anzeigen wegen Körperverletzungen bundesweit seit Jahren steil an, die Anzahl tatverdächtiger Kinder und Jugendlicher hat sich bei Gewaltdelikten seit 1993 gar mehr als verdoppelt.

Und doch müssten diese Erhebungen relativiert werden, meint Michael Walter. „Wir haben eine Zunahme der registrierten Gewaltkriminalität” betont er, „zu einem möglichen Anstieg der tatsächlichen Kriminalität sagt die PKS dagegen nichts”.

Ein ebenso feiner wie entscheidender Unterschied, der sich für den Professor an der Kölner Uni, der seit Jahren zur Jugendkriminologie forscht, in weiten Teilen durch ein verändertes Anzeigeverhalten erklärt. „Die Gesellschaft ist gewaltsensibler geworden, nimmt vieles nicht mehr hin”, sagt er. „Das ist doch eigentlich etwas Gutes.”

Nun gehen anonyme Hinweise vom Schulhof auch schon mal per SMS ein, und die Polizei ist seit einigen Jahren zudem verpflichtet, in jedem Fall Anzeige zu erstatten. Diese Faktoren führen zwangsläufig zu mehr tatverdächtigen Jugendlichen. Wie viele Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt oder gar nicht erst eröffnet werden, davon weiß die Polizeistatistik nichts.

Doch noch ein anderer Umstand verfälscht die Datenlage: „Junge Leute begehen eher sichtbare Delikte”, sagt der Kölner Kriminologe. Es mache eben einen Unterschied, „ob ich betrügerisch am Schreibtisch lüge oder jemanden ins Gesicht schlage”. Das Risiko, dass ein Delikt bemerkt, der Täter erkannt und eine Sanktion verhängt wird, sei gerade deshalb bei Jugendlichen höher. Zudem sei der Nachwuchs aufgrund mangelnder Erfahrung weniger raffiniert im Vorgehen und auch noch eher geständig.

Um eine realistische Einschätzung der tatsächlichen Gewaltkriminalität der Jugend zu erhalten, fehlen in Deutschland weiterhin entsprechende Dunkelfeldbefunde, zum Beispiel durch Opferbefragungen. Denn noch immer komme nur ein Teil der Taten der Polizei zur Kenntnis, sagt Walter. Wird dieser Anteil durch intensive Ermittlungsarbeit aber erhöht, könne es auch zu dem führen, was er aus den USA berichtet: „Dort fiel ein Anstieg im Hellfeld sogar mit einem Kriminalitätsrückgang zusammen.”

Tatsächlich gibt es Indizien für eine solche Tendenz bei der Jugendgewalt auch hier: Die von den Versicherungen registrierten „Raufunfälle” gehen seit 1998 kontinuierlich zurück - trotz konsequenterer Ahndung der damit umschriebenen Schlägereien auf deutschen Schulhöfen. „Und die Versicherer rechnen genau, wie und wann sie in Anspruch genommen werden”, meint Walter.

Doch wie lassen sich diese Erkenntnisse mit dem subjektiven Unbehagen der Öffentlichkeit in Einklang bringen? Der Kriminologe erklärt dies mit einer Form der „Medienkriminalität”. Vor allem die Privaten rückten mit Vorliebe Anstiege in den Mittelpunkt der Berichterstattung und konzentrierten sich auf extreme Einzelfälle - und lieferten damit die Dramatisierung, die von den Menschen offensichtlich gewünscht werde. Dass die registrierte Gesamtkriminalität 2006 in Deutschland auch bei Jugendlichen insgesamt abgenommen hat, fiel in der aufgeheizten Gewaltdebatte folgerichtig schnell unter den Tisch.

Doch selbst die Polizei ziehe aus diesem Umstand ihre Vorteile: Wenn die Bevölkerung, ob zu Recht oder nicht, beunruhigt sei, müsse die Politik handeln, was sich zunächst in zusätzlichen Haushaltsmitteln für die Polizei bemerkbar mache, meint Walter. So spiele die Statistik also nicht nur dem Boulevard in die Karten.