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Aachen: Knalleffekte ohne Rücksicht auf Verluste

Aachen : Knalleffekte ohne Rücksicht auf Verluste

Das zweite Meisterkonzert im Eurogress vermittelte die Bekanntschaft mit dem Russischen Staatsorchester aus Moskau.

Der Klangkörper, 1943 gegründet, war in riesiger Besetzung angetreten, man zählte nicht weniger als zehn Kontrabässe.

Pavel Kogan, der derzeitige Chefdirigent, ein Sohn des berühmten Violinvirtuosen Leonid Kogan, brachte ein rein russisches Programm: Tschaikowsky und Rachmaninoff.

Wenn der Abend trotz des Aufwandes zur Hälfte enttäuschte, so lag das ausschließlich am Orchesterleiter, der sein Dirigat auf äußerlichen Knalleffekt angelegt hatte. „Tschaikowskys 5. Symphonie ist ein Meisterwerk, man muss sie nur als Meisterwerk spielen”.

So der große Günter Wand. Darin waren sich die bedeutendsten russischen Dirigenten einig. Für sie alle war Tschaikowsky der große russische Klassiker, den man formstreng, rhythmisch genau, unsentimental und differenziert interpretierte. Demgegenüber zielte Kogan auf den Publikumseffekt.

Eine Zirkusnummer

Wenn man im Kopfsatz in Rubati schwelgt, den Walzer so schnell nimmt, dass das technisch schwierige Motivspiel des Mittelteils statt kapriziös unkontrollierbar verhuscht, das zugegebenermaßen heikle Finale ohne Rücksicht auf klangliche Verluste zu einer hochgepeitschten Zirkusnummer degradiert, ist man zwar der Bravorufe am Ende sicher, aber das Meisterwerk bleibt auf der Strecke.

So lag der künstlerische Ertrag bei dem fabelhaften Solisten Andrej Gavrilov, der Rachmaninoffs späte „Rhapsodie nach einem Thema von Paganini” op. 43 aus dem Jahre 1934 hinreißend virtuos und klangfarben-raffiniert spielte.

Ob es um donnernd gemeißelte Oktaven- und Akkordketten ging oder um wundervoll ausgesungene Lyrismen, um blitzenden Diskant oder um pathetische Aufgipfelung, immer paarte sich beim Hörer Verblüffung über dieses technische Können mit Hochachtung vor dem Vermögen dieses Ausnahme-Pianisten.

Dass das Orchester auch differenziert spielen kann, bewies es hier bei der Assistenz des Solisten, die perfekt gelang. Mit zwei Chopin-Zugaben bedankte sich Gawrilov für den zu Recht gespendeten enthusiastische Beifall.

Über den eingangs gebotenen „Slawischen Marsch” op. 31 von Tschaikowsky, eine flach-pompöse Gelegenheitskomposition, sei der Mantel des Schweigens gedeckt.