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Aachen: Klinger und die großen Denker

Aachen : Klinger und die großen Denker

Von welchem Bildungsniveau ging er aus? Welche Denker seiner Zeit hat er gekannt, welche Philosophien verinnerlicht? Wie hat er das Wissen seiner Zeit mit künstlerischer Hand umgesetzt oder sogar versteckt und offen „kommentiert”?

Dass die Ausstellung „Alle Register des Lebens” mit Grafischen Zyklen und Zeichnungen des Künstlers Max Klinger (1857-1920), die noch bis zum 3. Februar im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum besucht werden kann, mehr ist als eine reine Bilderschau, haben Kuratorin Dagmar Preising und ihre Kollegin Christine Vogt längst erkannt.

Nach Sonderveranstaltungen wie „Wagner und Klinger” oder „Die Brahmsphantasie” mit dem Schwerpunkt auf jenem Zyklus, der als Ankauf seit neuestem die Museumssammlung bereichert, erlangte man bereits tieferen Einblick in Persönlichkeit und Sprache des Künstlers. Am Sonntag, 27. Januar, 12 Uhr, treffen sich unter dem Motto „Max Klinger im Gespräch” im Museum die Musikwissenschaftlerin Marion Gerards sowie die Professoren Matthias Gatzemeier (Philosophische Institut der RWTH Aachen) und Georg Bussmann, Kunsthistoriker aus Düren.

Symbolsprache

Klinger und die Philosophie - ein Bereich, den Gatzemeier intensiv erforscht hat. So entdeckte er in der Symbolsprache Klingers zahlreiche Andeutungen - etwa auf Schopenhauer und Leipniz. Klingers Bild „Und doch!” mit einem aufrecht stehenden Jüngling, der die geöffneten Hände zum hellen Himmel streckt, erinnert Gatzemeier an zweierlei: „Von Arthur Schopenhauer stammt die Aussage „Die Welt ist schlecht”, Leipniz setzt dagegen, „die beste aller möglichen Welten”. Ich glaube schon, dass Klinger das thematisiert hat.” So gibt es schließlich auch ein grafisches Werk mit dem Titel „Philosoph”, bei dem ein extrem muskulöser Mann nach Art des Michelangelo-Gemälde „Die Erschaffung des Adam” den Finger des anderen berührt.

Immer wieder hat Gatzemeier bei seinen umfangreichen Recherchen neue, interessante Spuren gefunden - nicht zuletzt in Richtung Bildungsbürgertum. So weckt bei ihm das Bild „Integer Vitae” Erinnerungen: „Es ist ein Text des Horaz, den Friedrich Ferdinand Flemming vertont hat. Das Lied wurde oft bei Beerdigungsfeiern von Lehrern gesungen und besagt, wer unbescholten durchs Leben gegangen ist, dem kann nichts geschehen”, erzählt Gatzemeier. So zeigt Klingers Arbeit einen Menschen, der unbeeindruckt vom bedrohlichen Chaos, das ihn umgibt, in Ruhe auf einen Abgrund zugeht.

Gatzemeiers Forschungen gehen weiter. „Ironie und Humor gehören gleichfalls zu den Facetten”, betont er. „Sein Bildungshorizont war enorm. Wenn bei ihm der personifizierte Tod allerdings Totenschädel als Pflastersteine in den Boden hämmert, ist das schon sehr ernst.” Descartes, Kant, Schopenhauer - Max Klinger wusste von ihnen, hatte Begegnungen, die ihn prägten. Und Franz Kafka? „Das lässt sich vermuten”, meint der Philosophieexperte. „Auf jeden Fall trifft man bei Max Klinger auf ein interdisziplinäres Phänomen, das extrem spannend ist und die Bedingungen eines Gesamtkunstwerks erfüllt”, wie Dagmar Preising betont. Nicht nur am Sonntag ist daher „Max Klinger im Gespräch”.