Aachen: Klar, die Kamele — aber noch viel mehr!

Aachen: Klar, die Kamele — aber noch viel mehr!

Klar, den Kamelen kann man natürlich nicht entkommen. Sie sind die haarigen Stars des Aachener Ludwig Forums und so etwas wie das Markenzeichen von Nancy Graves (1939-1995). Bei der weltweit ersten großen Retrospektive der US-Künstlerin blicken sie einem unter langen Wimpern daher direkt zu Beginn entgegen.

Aber die Aachener Ausstellung zeigt eindrucksvoll, dass „die Frau mit den Kamelen“ auch anders kann. Sie war nicht nur Bildhauerin, sondern auch Malerin, Zeichnerin, Bühnenbildnerin und Filmemacherin. Sie experimentierte mit den verschiedensten Materialien von Schaumstoff bis Bronze.

Nancy Graves installing her exhibition at the Janie C. Lee Gallery, Houston, TX, 1975, Foto: Nancy Graves Foundation © Nancy Graves Foundation, New York, NY/Licensed by VG-Bildkunst, Bonn

Und sie wurde offenkundig von einem unersättlichen Forscherdrang getrieben: Akribisch ackerte sie in den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Themenfeldern — von der Paläontologie und Archäologie bis zur Astronomie und Wetterforschung, um darin Inspiration für ihre künstlerische Arbeit zu finden.

„Nancy Graves war eine sehr vielschichtige Frau und eine sehr vielschichtige Künstlerin“, bringt es Sanford Hirsch, Vorstandsvorsitzender der Nancy Graves Foundation New York, auf den Punkt.

Sehr vielschichtig ist folgerichtig auch diese Retrospektive. Nach der äußerst reduzierten und übersichtlichen Schau des US-Amerikaners Michael E. Smith wirken die Räume unter dem Sheddach nun fast überfrachtet. Der Besucher sollte einige Stunden Zeit mitbringen.

Denn für den Höhepunkt des Ausstellungsjahrs greift das Haus an der Jülicher Straße in die Vollen. Fast 200 Exponate sind zu erkunden, viele erstmals — nicht nur Skulpturen, Installationen, Zeichnungen, Gemälde und Filme von Graves, sondern auch Werke von 34 „Special Guests“.

Diese speziellen Gäste sind Freunde, Wegbegleiter, Kollegen, aber auch historische Vorgänger der Künstlerin. Sie spiegeln die Arbeiten von Graves und sollen eine kunsthistorische Einordnung ermöglichen.

In diesem spannenden Netzwerk soll der Betrachter auch das Eigenständige der Künstlerin erkennen: „Nancy Graves verwirklichte in jeder Gattung eine vom Trend unabhängige Kunstkonzeption“, sagt Kuratorin Annette Lagler.

„Sind die ausgestopft?“ Auch dieser Frage kann man natürlich nicht entkommen. Bei der Pressevorbesichtigung stellt sie eine Neunjährige, die für ihre Schülerzeitung Block und Kamera zückt.

Aber auch ältere Besucher fragen sich das immer wieder, seit das Aachener Sammler-Ehepaar Peter und Irene Ludwig die US-Künstlerin und ihre Kamele Anfang der 70er Jahre über den großen Teich lockte. Zootiere im Museum? Damals eine Provokation.

Heute immer noch eine (für viele vielleicht witzige) Irritation, die Fragen auslöst. Etwa: Wie wird „Natur“ im Museum (re)präsentiert? Nancy Graves spielt mit dem „Als ob“ der Realität. Die Kamele sind keine ausgestopften Tiere, sondern lebensgroße handgefertigte Plastiken aus Holzgerüsten, Schaumstoff, Kaninchenfell und anderen Stoffen.

„In der Vergangenheit wurden sie oft missverstanden als hyper- oder fotorealistische Kunst“, meint Brigitte Franzen. Die Direktorin und Kuratorin sieht darin vielmehr hochkomplexe konzeptuelle Artefakte.

Wie hochkomplex, das zeigen die Recherchematerialien der Künstlerin, Filme und Diagramme: Neben Bildern vom Kamelmarkt sieht man das Zahnschema der Wüstentiere oder Muster und Bewegungsstudien der einzelnen Körperteile.

Viele Archivalien, etwa Notizbücher oder Skizzen, geben Einblick in die analytischen, wissenschaftlichen Hintergründe der Werke. So ist die Schau zwar sehr anregend aber eben auch umfangreich — und dennoch recht übersichtlich gegliedert in acht Kapitel: von der Recherche rund um die Kamele bis zu den Skulpturen aus der Zeit von 1977 bis 1995.

Zwei Beispiele aus der Überfülle: Im Raum „Kosmos und Karten“ ist zu erkennen, wie die Künstlerin mit pointillistischer Maltechnik die Oberflächen von Mond und Mars „abtastet“. Dabei nimmt sie NASA-Fotos als Vorlage, reproduziert die technische Reproduktion — und ihre Störungen, etwa Unschärfen. Bild und Bildrauschen mit ironischem Touch also.

Wieder ganz anders: Graves als Bühnendesignerin und Kostümbildnerin. Für die Choreographin Trisha Brown und ihre bekannte Company lässt sie Tänzer zwischen knallbunten Installationen an Seilen durch den Raum schweben.

Nach und nach setzt sich für den Besucher das Mosaik eines ungewöhnlichen Multitalents zusammen. Am Ende ist die Schülerin „beeindruckt, dass die das alles mit den eigenen Händen gemacht hat“. Und was sagen die Experten der Stiftung, die den Nachlass kritisch verwaltet? „Wonderful!“

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