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Aachen: Kitabeiträge in der Region: „Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt”

Aachen : Kitabeiträge in der Region: „Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt”

Sie sind das ländliche Idyll satt und überlegen, mit Ihrer Familie in die Stadt zu ziehen? Beispielsweise von Vettweiß nach Düren? Und planen, Ihr Kind in eine Kindertagesstätte zu geben? Dann sollten Sie erst einmal einen Blick in die Gebührentabelle für Kindergartenplätze werfen.

Unterschiede von hundert Euro sind nämlich keine Seltenheit.

Wenige Kilometer zwischen einem Wohnort und dem nächsten können da entscheidend sein.Wo Eltern wie viel zahlen, hat sich unsere Zeitung für die Träger der öffentlichen Jugendhilfe im Verbreitungsgebiet - die Städte und Kreise Aachen, Düren und Heinsberg sowie für Städte Eschweiler, Geilenkirchen, Herzogenrath, Hückelhoven, Stolberg und Würselen - einmal genauer angeschaut. So viel vorweg: Der Kreis Düren schneidet gefolgt von Alsdorf und Herzogenrath am besten ab, der Kreis Aachen belastet die Eltern am stärksten.

In der Stadt Düren beispielsweise wird von Spitzenverdienern (Jahreseinkommen rund 66.000 Euro oder mehr) eine monatliche Gebühr von 344 Euro für die Betreuung (45 Stunden/Woche) eines Kindes unter zwei Jahren verlangt, in den zum Kreis Düren zählenden Kommunen wie Vettweiß sind es 235 Euro. Differenz: 109 Euro.

Wer sich glücklich schätzen darf, mehr als 100.000 Euro zu verdienen, zahlt in der Stadt sogar 491 Euro. Im Kreisgebiet sind die 235 Euro der Maximalbetrag. Zugegeben: In den zweifelhaften Genuss, solch hohe Gebühren zu zahlen, kommt nur eine kleine Gruppe Eltern. Aber auch im Mittelfeld werden schnell Unterschiede deutlich: In den Stufen zwischen 35.000 und 50.000 Euro fallen im Stadtgebiet zwischen 155 und 229 Euro an, im Kreis 71 bzw. 178 Euro. Wie das kommt? „Der Fantasie der Jugendämter sind bei der Beitragsgestaltung keine Grenzen gesetzt”, sagt ein Mitarbeiter der Kreisverwaltung Düren.

Möglich ist das seit August 2006, seit der Abschaffung landesweit einheitlich geregelter Gebührensätze für Kindergartenplätze. Das brachte dem Land eine Ersparnis von 84 Millionen jährlich. Hintergrund: Mit den Elternbeiträgen sollten 19 Prozent der Kosten für die Betreuung in Kindergärten gedeckt werden. Da diese Quote aber nie erreicht wurde, teilten sich Land und Kommunen die Differenz, die bis zur 19-Prozent-Marke fehlte.

Das Land beschloss dann aber, sich aus diesem Ausgleich zurückzuziehen und überließ es den Kommunen, wie der Prozentsatz erreicht wird. Viele taten das zulasten der Eltern. Die mussten zum Teil rund zehn Prozent mehr zahlen. Eine zweite Anhebung der Beiträge wurde dann mit der Einführung des Kinderbildungsgesetzes Kibiz zum 1. August 2008 vielerorts fällig: Der Anteil, den kirchliche Träger bei den Kindergartenkosten aufbringen müssen, wurde mit Rücksicht auf sinkende Kirchensteuereinnahmen und gesunkene Anmeldezahlen in Kindergärten kirchlicher Träger von 20 auf zwölf Prozent gesenkt. Das Defizit teilen sich Kommunen und Land mit 25 zu 75 Prozent. Mit der Umstellung von Spitzabrechnung auf Pauschalen kamen außerdem weitere zehn bis 15 Prozent mehr Kosten auf die Kommunen zu.

Das erklärt zwar die Gebührenerhöhung in vielen Kommunen, aber noch nicht die eklatanten Unterschiede zwischen verschiedenen Städte oder Kreisen.

Sind die Personalkosten oder etwa die Mieten für die Einrichtungen beispielsweise in Vettweiß so viel billiger als in der Stadt Düren? Liegt es vereinfacht gesagt am Stadt-Land-Gefälle? Nein. Der Kreis Düren will für junge Familien attraktiv sein und das lässt er sich pro Jahr rund 1,2 Millionen Euro kosten. Oder besser gesagt: Das lassen sich letztlich die 14 Kommunen des Kreises kosten, denn die Subvention wird in einer speziellen Jugendamtsumlage auf sie verteilt.

„Die Kommunen haben mit darüber abgestimmt”, versichert der Jugendamtsleiter des Kreises Düren, Gregor Dürbaum. Eine Besonderheit des Kreises ist - neben den geringen Gebühren und der Tatsache, dass in der Betreuung nicht zwischen unter und über Dreijährigen unterschieden wird - auch, dass das erste Kindergartenjahr kostenlos ist. Egal, in welchem Alter das Kind in die Einrichtung kommt.

Im Kreis Aachen ist das nur vom dritten bis zum vierten Lebensjahr möglich. Der Kreis Aachen greift den Eltern im Vergleich zum restlichen Verbreitungsgebiet am tiefsten in die Tasche. Im Vergleich zum Kreis Düren liegen die Elternbeiträge fast doppelt so hoch: Bei einem Einkommen zwischen 12.271 und 24.542 Euro kostet ein Platz 74 Euro (Kreis Düren: 42 Euro) monatlich, zwischen 36.813 und 49.084 Euro 228 Euro (Kreis Düren: 115 Euro). Wer über der Marke von 73.626 Euro liegt, muss 458 Euro (Kreis Düren: 235 Euro) entrichten.

Der Leiter des Amts für Kinder, Jugend und Familienberatung des Kreises Aachen vertritt die Auffassung, dass der „Ansatz einer attraktiven Elternbeitragsgestaltung verfolgt” worden sei. Mit Blick auf die Sätze für die unterschiedlichen Betreuungsdauern (25, 35 und 45 Stunden pro Woche) habe man der 35-Stunden-Betreuung, die mit 71 Prozent den größten Zuspruch hat, beispielsweise einen deutlichen Vorteil eingeräumt, sagt Adolf Mainz. Aber auch hier liegen die Beiträge überproportional hoch.

Ein Vorgehen wie das des Kreises Düren, bei den Beiträgen nicht zwischen Altersklassen zu unterscheiden, hält Mainz wegen des unterschiedlichen Betreuungsaufwands nicht für sinnvoll. Und auch über Senkungen könne derzeit nicht gesprochen werden. Unter anderem auch wegen eines Programms des Kreises, mit dem schon vor 2013 für ein Drittel der unter Dreijährigen ein Betreuungsplatz zur Verfügung gestellt werden soll - eine Aufgabe der sich, am Rande bemerkt, auch jeder andere Träger der öffentlichen Jugendhilfe stellen muss.