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Köln: Kirchentag im Zeichen des G8-Gipfels: Gewaltfrei Orientierung geben

Köln : Kirchentag im Zeichen des G8-Gipfels: Gewaltfrei Orientierung geben

Der Zufall hat Regie gespielt und macht deutlich, warum Kirchentage für die bundesrepublikanische Gesellschaft so wichtig sind: In Heiligendamm schützen Stacheldraht, Wasserwerfer, tausende Sicherheitskräfte und ein 12 Kilometer langer Zaun die Spitzenpolitiker beim G8-Gipfel vor Demonstranten. Etwa 600 Kilometer entfernt in Köln flattern dann zeitgleich die Fahnen des 31. Deutschen Evangelischen Kirchentages friedlich im Wind.

Tausende Papphocker werden für Diskussionen in den Messehallen aufgestellt - unter anderem mit Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Globalisierung. Der Termin für den Kirchentag vom 6. bis 10. Juni stand schon fest, als der G8-Gipfel (6. bis 8. Juni) vereinbart wurde. Zwei extrem unterschiedliche Welten zeigen dann ihr Gesicht.

In Heiligendamm die Welt der unnahbaren Machtpolitik samt ihrer Gegner, Gewalt nicht ausgeschlossen bei zahlreichen, teils verbotenen Demonstrationen - die Rostocker Ausschreitungen von Autonomen am Wochenende mit fast 1000 Verletzten haben einen bitteren Vorgeschmack geliefert. Dagegen wollen die mehr als 100.000 erwarteten Christen in Köln die Vision einer gerechteren, friedfertigen und ökologisch verantwortungsvollen Welt im Dialog friedlich und gewaltfrei entwickeln.

Dass Krawallmacher der Kanzlerin am 9. Juni zum Kirchentag hinterherreisen, hält Kirchentagspräsident Reinhard Höppner für unwahrscheinlich. Es gebe bislang auch keine Anzeichen dafür. Und Erhard Eppler, zur Zeit des Nato-Nachrüstungsbeschlusses Kirchentagspräsident, erinnert an die friedliche Gesprächskultur 1983 in Hannover, als Bundeswehrsoldaten und Nachrüstungsgegner einen beispielartigen Dialog führten. „Den erwarte ich jetzt auch in Köln, auch wenn man natürlich nie ausschließen kann, dass sich ein paar Provokateure einschleichen. Aber die Kirchentagsbesucher sind erfahren genug und werden Gewalt nicht zulassen.”

Evangelische Kirchentage bilden traditionell den Mikrokosmos von Diskursgesellschaften im besten Habermasschen Sinne. Gewalt oder auch nur verbale Ausfälle sind verpönt, wie Kirchentagssprecher Rüdiger Runge nicht ohne Stolz auf die Geschichte der Treffen seit 1949 betont. Kirchentage spiegeln die jeweils aktuellen gesellschaftlichen Probleme.

Bundespräsident Köhler und Politiker unterschiedlichster Couleur haben wiederholt den Beitrag der Kirchentage für die Bewusstseinsbildung einer verantwortungsbereiten und solidarischen Gesellschaft hervorgehoben. Die Kirchen leisteten einen wichtigen Beitrag zur Wertevermittlung, auf die eine funktionierende Demokratie angewiesen sei.

Gern wird der inzwischen mehr als 35 Jahre alte Satz des Staatsrechtlers und ehemaligen Verfassungsrichters Ernst-Wolfgang Böckenförde zitiert: „Es gehört zur Struktur des freiheitlichen Rechtsstaates, dass er von Voraussetzungen lebt, die er selber nicht garantieren kann.”

In Köln geht es neben der Globalisierung um Familienpolitik, um Hartz IV, um das Miteinander der Generationen oder das Thema Patientenverfügung, aber auch um den Dialog mit dem Islam und dem Judentum. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, wird mit dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Wolfgang Huber, und Vertretern des Islams und Judentums über „Religionen - Friedensstifter oder Brandstifter?” sprechen.

Insgesamt 3000 Veranstaltungen umfasst das 600 Seiten dicke Programm. TV-Promis wie Reinhold Beckmann sind dabei, aber auch der für seine meditative Ausstrahlung bekannte Benediktinerpater und Bestsellerautor Anselm Grün. Zahlreiche Bundesminister nehmen teil, wie Franz Müntefering, Ursula von der Leyen, Wolfgang Schäuble und Heidemarie Wieczorek-Zeul

Aber auch ältere Ikonen einer sozialen Politik wie Heiner Geißler und Norbert Blüm kommen. Der Grünen- Politiker Daniel Cohn-Bendit, bei den ´68er Unruhen in Paris einst auf den Barrikaden, wird mit Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) über „politische Heimat” diskutieren.

Innerkirchlich steht die Ökumene in der katholischen Hochburg Köln ganz oben auf der Agenda. Kirchentagspräsident Reinhard Höppner macht =allerdings klar, dass solche Treffen nicht lehramtliche Unterschiede wie bei der Frage des gemeinsamen Abendmahls von Katholiken und Protestanten ausräumen können.

Den Kirchentag hält Höppner für „unverzichtbar” als Teil einer offenbar wachsenden zivilgesellschaftlichen Bewegung. „Er ist ein Ort der Meinungsbildung.” So soll das Kölner Treffen Orientierungsschneisen schlagen in eine Zukunft, in der jeder Mensch eine Perspektive der Hoffnung hat.