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Aachen: Keine Ausrede: Sch. ist voll schuldfähig

Aachen : Keine Ausrede: Sch. ist voll schuldfähig

Das lange Taktieren hatte am Dienstag ein Ende. Im Prozess um den mutmaßlichen Anhaltermörder Egidius S., 52, konnte der psychiatrische Sachverständige Hans-Ludwig Kröber endlich sein Gutachten vor der Schwurgerichtskammer des Aachener Landgerichts vortragen.

Familienvater Sch. aus Viersen ist wegen Mordes an fünf jungen Frauen angeklagt, die er zwischen 1983 und 1990 umgebracht und zum Teil vergewaltigt haben soll. Sein Verteidiger Rainer Dietz hatte am letzten Verhandlungstag einen Ablehnungsantrag gegen den renommierten Psychiater Kröber gestellt. Begründung: Der Sachverständige habe sich drei Mal in der Haftanstalt seinem Mandanten aufgedrängt, um ihn zu einem Gespräch zu veranlassen. Das stimmte nachweislich nicht und so wies die Kammer den Befangenheitsantrag zurück - Kröber durfte begutachten.

Geschürt durch die in Boulevardzeitungen ausgebreiteten sadomasochistischen Sexualpraktiken des Ehepaares Sch., wurde das Ergebnis von Kröbers Gutachten mit einiger Spannung erwartet: „Beim Angeklagten”, erklärte Kröber vor zahlreichen Prozessbesuchern, „war keine seelische Abartigkeit und kein Zustand zu finden, der seine Schuldfähigkeit hätte beeinträchtigen oder vollends aufheben können”. Somit steht fest, dass Sch. voll zur Rechenschaft gezogen werden kann - falls die Kammer ihn schuldig spricht.

„Ein netter Einfall”

Selbst mit der ins Feld geführten Epilepsie im Kindes- und Jugendalter von Sch. war man bei Kröber an der falschen Adresse, auch da ist er Experte: „Er ist seit 40 Jahren anfallsfrei und kommt seit dem 18. Lebensjahr ohne Medikamente aus.” Im dritten angeklagten Fall, dem der 17-jährigen Angelika S., war Sch.s Sperma nachgewiesen worden, ein DNA-Routinetest nach einem Diebstahl im Sommer 2007 führte zu Egidius Sch.

Eingehend befasste sich der Psychiater mit der exotischen Behauptung des gelernten Krankenpflegers und ehemaligen Versicherungskaufmannes, nur seine starke SM-Neigung habe ihn bei der Polizei dazu getrieben, dem Drängen der verhörenden Kriminalbeamten nachzugeben und die fünf Frauen-Morde zu gestehen - aus reinem Lustgewinn durch eine quälende Drucksituation und den stimulierenden Gefängnisaufenthalt. Das Thema war in einer Frühphase des Prozesses von Ehefrau Sch. ins Spiel gebracht worden, die freizügig ihre Domina-Tätigkeit an ihrem Ehemann öffentlich schilderte. Dann stilisierte sie die sexuelle Neigung ihres Mannes zur hinreichenden Erklärung für sein umfassendes Geständnis, er selbst fabulierte in späteren Einlassungen weiter.

Jene Strategie machte Kröber am Dienstag mit einem Federstrich zunichte: „Sicher, falsche Geständnisse und unwahre Zeugenaussagen, die gibt es immer wieder.” Aber um „sich sexuell zu erregen” - das sei „ein netter Einfall”. Jedoch sei es psychologisch völlig abwegig, von einem Heterosexuellen, auch wenn er SM liebe, den ersehnten Lustgewinn durch männliche Wärter oder Polizisten herbeiführen zu wollen.

Zur Frage einer möglichen Sicherungsverwahrung äußerte sich der Gutachter allerdings unbefriedigend. Der Täter habe, warum auch immer, 1990 anscheinend mit dem Morden aufgehört, Gründe, dass er wieder damit beginnen könne, sieht Kröber nicht.

Die Plädoyers sind nun für den 8. Juli vorgesehen, der Verhandlungstag beginnt um 11 Uhr.