Berlin: Kein Werk ist frei von Schmerz

Berlin : Kein Werk ist frei von Schmerz

Der Schmerz gehört zu den grundlegenden menschlichen Erfahrungen, ob nun physisch oder seelisch empfunden. Als chronisches Leiden wird er heute zu den großen Volkskrankheiten gerechnet, von der allein in Deutschland über eine Million Menschen betroffen sind. Schmerz ist aber auch eines der großen Themen in der Kunst. Ihm widmet sich derzeit in Berlin eine große Gemeinschaftsausstellung der Staatlichen Museen und der Charité.

Die auf zwei Standorte verteilte Ausstellung führt medizinische Objekte und Präparate mit Kunstwerken aus mehreren Jahrhunderten zusammen. Drastisch ist der Einstieg: In der großen Halle des „Hamburger Bahnhofs” - Museum für Gegenwart - steht der Besucher vor einer ein Meter langen Stange, die deutliche Biss-Spuren trägt: Statt mit Hilfe von Betäubungsmitteln in den Schlaf versetzt, konnten sich Patienten ehedem bei Operationen nur durch Beißen auf eine solche Stange vom Schmerz ablenken.

Gerahmt wird die Beißstange von Kunstwerken wie den „Clown Tortures” von Bruce Naumann oder einem Video über Gewaltprozesse. Gerade in der zeitgenössischen Kunst spiele der Schmerz eine große Rolle, sagt Museumsdirektor Eugen Blume: „Kein Werk ist frei von Schmerz.” Einer der Künstler, der sich immer wieder mit dem Thema auseinandergesetzt hat, ist Joseph Beuys. Von ihm stammt der Untertitel der Ausstellung: ”...hinter dem Knochen wird gezählt”.

Mit Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen sowie Fotos und Videoarbeiten schlägt die Ausstellung den Bogen vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Dabei nimmt die Auseinandersetzung mit der Passion Christi eine zentrale Rolle ein: Das früheste Werk ist die Darstellung eines Gnadenstuhls. Es zeigt Christus, vom Kreuz genommen, Engel stehen um ihn herum und halten Lanze, Schwamm, Zange und Nägel. Zu den jüngsten Arbeiten zählt ein großes Kreuzigungs-Triptychon von Francis Bacon, das geprägt ist von den Gewaltexzessen des 20. Jahrhunderts, angedeutet durch Hakenkreuz-Armbinden.

Kontrastiert und gleichsam kommentiert werden die Kunstwerke durch Präparate und chirurgische Instrumente. „Die Fleischwerdung, die Bacon in seinem Bild malt, auf die treffen Sie auf brutale Weise, in dem Sie sich menschliche Präparate in einer Vitrine in der Nähe ansehen”, beschreibt Eugen Blume dieses Zusammenspiel von Kunst und Medizin.

Der zweite Teil der Ausstellung ist im rund 400 Meter entfernt gelegenen Medizinhistorischen Museum der Charit? zu sehen: Hier ergänzen Kunstwerke die Präparatesammlung Rudolf Virchows, die in acht Originalvitrinen präsentiert wird. Gehirn, Leber, Nieren, Herz - zu jedem Kapitel gibt es Objekte, die verschiedene Krankheitsbilder anschaulich machen. Eine Vitrine wurde leer geräumt, um Kunstwerke hineinzustellen: Zum Beispiel eine Au- dioarbeit, bei der eine Patientin von ihrer Hüftoperation erzählt, während daneben das Präparat einer kranken Hüfte zu sehen ist.

Die Ausstellung solle den Blick auf den Schmerz erweitern, dem meist nur eine negative Seite zugeschrieben werde, sagt Thomas Schnalke, Direktor des Medizinhistorischen Museums. Bereits Friedrich Nietzsche habe festgestellt, „ohne Schmerz sind wir eigentlich kaum Menschen”. Inwieweit „würden wir heute akzeptieren, dass Schmerz auch eine positive Seite hat?”, fragt Schnalke.

Eine philosophische Frage, auf die angesichts von Zeichnungen und Fotos aus dem Schmerzzentrum des Benjamin-Franklin-Klinikums eine Antwort allerdings eher schwerfällt. Diese Dokumente aus dem täglichen medizinischen Alltag verweisen darauf, dass der Schmerz für viele Menschen eine ganz reale, aktuelle Komponente besitzt: Er nimmt sie in Besitz und wird zu einem ständigen Begleiter, der sie in die Isolation treiben kann.