Aachen: Karibikstaat zwischen Cocktails und Krisen

Aachen: Karibikstaat zwischen Cocktails und Krisen

Kuba, das ist Karibik, Havanna und Lebensfreude. Kuba ist aber auch die Kehrseite: Wirtschaftsprobleme, Armut und Inhaftierungen. Seit September zeigt das Ludwig Forum die Ausstellung „Kunst x Kuba“. Mit rund 150 Kunstwerken soll die Historie und Gegenwart Kubas beleuchtet werden — immer mit Blick auf die Veränderungen und Entwicklungen im Land.

Wie schon öfter werden die Ausstellungen im Ludwig Forum begleitet, andere Perspektiven hinter der Kunst eröffnet. Wo steht Kuba, und wo geht es hin für das streng sozialistische Land? Darüber diskutiert haben der Politikwissenschaftler Bert Hoffmann vom Giga-Institut für Lateinamerikastudien aus Berlin, der Historiker Michael Zeuske von der Universität Köln und Gabriele Stein aus Aachen, Vorstandssprecherin von Amnesty International Deutschland. Moderiert wurde das Gespräch von Andreas Beitin, Leiter des Ludwig Forums, und Bernd Mathieu, Chefredakteur unserer Zeitung.

Zeuske, der als Kind selbst für einige Jahre in Kuba gelebt hat, kommt zuerst zu Wort: Er beschreibt eine große, echte Unterstützung für den damaligen Revolutionär Che Gueveara. „Es war einfach eine revolutionäre Stimmung.“ Er beschreibt einen Ausnahmezustand, Mathieu fragt nach: Ist das Land noch immer im Ausnahmezustand, und wenn ja, positiver oder negativer Natur? „Es gab die Wirtschaftskrise, dazwischen den Obama-Hype, aber für die Leute hat sich nicht viel verändert, die Wirtschaft ist noch immer kritisch“, sagt Zeuske.

Schere zwischen Arm und Reich

Einig sind sich die Experten darüber, dass sich seit dem Machtwechsel von Fidel Castro zu seinem Bruder Raúl einiges im Land geändert hat. „Raúl ist verlässlicher, es gibt weniger Überraschungen, und er hat Hoffnungen geweckt“, sagt Hoffmann. Angesichts der schlechten Versorgungslage der Menschen stellt Beitin die Frage nach der Spaltung der Gesellschaft — wie sehr sind Armut und Reichtum präsent?

Die Spaltung — das wird anhand der Expertenmeinungen schnell klar — ist besonders dort deutlich, wo es Tourismus gibt, zum Beispiel in der Hauptstadt Havanna. „Das ökonomische Kuba kippt“, sagt Hoffmann. Denn: „Einen Boom gibt es dort, wo Geld ist, Geld ist dort, wo die Touristen sind — und das ist ganz massiv in Havanna.“ Hinzu kämen die niedrigen staatlichen Löhne, zum Beispiel für Lehrer und Ärzte. „Das ist ein Drama, das die Gesellschaft zerreißt“, sagt Hoffmann.

Unter Raúl Castro seien Freiräume möglich geworden, es entstehe sogar eine unabhängige Medienszene. „Oppositionelle Inhalte werden geblockt, aber alles ist deutlich gelockerter als unter Fidel“, sagt Hoffmann.

Stein sieht das ähnlich: Es sei besser als unter Fidel, aber noch immer nicht gut genug. „Die Versammlungs- und Meinungsfreiheit sind immer noch die Schwerpunkte unserer Arbeit“, sagt Stein. „Das sah bei Raúl erst besser aus, aber er hat nur eine andere Möglichkeit gefunden: Kurzzeitverhaftungen.“ Die seien deutlich angestiegen.

Die Straßen sind sicher

Trotz aller Probleme sei die Sicherheit auf den Straßen positiv — auch wenn das wohl an der Polizei liege, die als Staatsgewalt rigide auftrete, sagt Hoffmann. „Das wissen die Lateinamerikaner zu schätzen.“ Und: „Alle Kubaner haben Zugang zum Arzt, alle gehen zur Schule und sind alphabetisiert, niemand verhungert, die Lebenserwartung ist sehr hoch.“

Was mag wohl das nächste Jahr für den Karibikstaat bringen? Immerhin geht am 24. Februar Raúl Castros Amtszeit zu Ende, er wird nicht wieder als Staatspräsident antreten. Aber: „Er ist dann immer noch oberster General und Parteichef, und die Partei steht über dem Staatsapparat“, sagt Hoffmann. Stein hofft noch immer auf eine schleichende Öffnung des Staates, Zeuske stellt vor allem die Macht des Militärs heraus. „Alle, die eine Waffe führen dürfen, stehen unter der Kontrolle von Raúl“, sagt Zeuske. „Erwartet keine Demokratie nach westlichem Muster!“