Heimbach: Kammermusik-Stars spielen Kontraste meisterlich aus

Heimbach: Kammermusik-Stars spielen Kontraste meisterlich aus

Das Motto der diesjährigen „Spannungen“ im RWE-Kraftwerk Heimbach, „Frühe und späte Werke großer Meister“, beschert dem ohnehin spannungsgeladenen Programm der intensiven Festival-Woche einen zusätzlichen Kick.

Dass selbst frühreife Genies Zeit für ihre Entwicklung brauchen und kompositorisch niemals auf der Stelle treten, ist zwar weder neu noch überraschend, aber wenn man in direkter Konfrontation die Talentprobe des 18-jährigen Schostakowitsch mit seinem unbekümmerten 1. Klaviertrio und das 15. und letzte Streichquartett des todkranken, von politischen und persönlichen Demütigungen zermürbten Meisters als eine eingefrorene, in Stein gemeißelte Totenklage erleben darf, wird der Reifeprozess noch unmittelbarer und sinnlicher erfahrbar.

Das gilt in abgemilderter Form auch für Brahmse_SSRq vorwärtsdrängendes Scherzo aus der „F-A-E“-Sonate und den überbordenden Variationen über ein Thema von Robert Schumann, beides im Alter von etwa 20 Jahren entstanden, wenn man sie seinem späten, abgeklärten Klarinettenquintett gegenüberstellt.

Einen Reifesprung in extrem kurzer Zeit vollbrachte der früh verstorbene Schubert, von dem wir ein an Haydn orientiertes Streichquartett des 14-jährigen Komponisten und dessen letztes, ausladendes Quartett in G-Dur hören durften. In dem monumentalen Schlusspunkt seines Quartettschaffens gibt sich Schubert ungewöhnlich schroff. Der liedhafte und tänzerische Duktus seines Personalstils ist zwar nicht eliminiert, aber in einen verstörend zerrissenen, im Perpetuum-Mobile-Delirium des Finales rastlosen Kontext eingebettet.

Sämtliche hochkarätigen Musiker des Festivals setzten viel, einige alles daran, die Kontraste der Werke herauszumeißeln. Das Schubert-Quartett in der Besetzung mit Christian Tetzlaff und Antje Weithaas (Violine), Rachel Roberts (Viola) und Quirine Viersen (Violoncello) spielte die dynamischen und klanglichen Kon-traste ebenso abrupt aus wie die zwischen Hektik und Stillstand changierenden Tempi. In ihrer Art eine bis in den letzten Ton konsequente und kompromisslose Interpretation, die bisweilen schon verbissene Züge annahm.

Aber nicht nur die großen Meilensteine der Literatur prägen das Festival, sondern auch die Begegnung mit Randbereichen des Repertoires. Benjamin Britten, mit seiner Kammermusik erheblich weniger präsent denn als Opernkomponist und Sinfoniker, überraschte etwa mit einem kecken Temperamentsausbruch in der kurzen, von ihm selbst kaum zur Kenntnis genommenen Studie „Young Apollo“ für Klavier, Streichquartett und Streichorchester, der Lars Vogt, die vier Quartett-Streicher und die „All-Star-Band“ mit allen verfügbaren Streichern von Christian Tetzlaff bis Gustav Rivinius eine ebenso vitale wie geradezu luxuriöse Ehrung erwiesen. Welcher Kontrast dazu das einminütige „Tema Sacher“ für Violoncello solo des sterbenskranken Meisters, das Quirine Viersen mit Nachdruck gestaltete.

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