Aachen: Justus Thorau: Der Übergangs-Direktor hat bis August freie Hand

Aachen : Justus Thorau: Der Übergangs-Direktor hat bis August freie Hand

Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, und er schaut die achtzig Musiker an, die vor ihm sitzen. Zwischen den goldenen Schwingwänden des Orchesterprobensaals warten sie auf den Einsatz. Eine kleine Bewegung der bereits erhobenen Arme lässt Beethovens Neunte erklingen.

Die Musik erfüllt nicht nur den Raum, sondern auch ihn selbst. Erst wiegt er sich mit ihr, dann duckt er sich vor ihr — ein Wechsel von weichen und harten Bewegungen. Justus Thorau ist vollkommen in der Musik.

Sinfonieorchester Aachen, Justus Thorau.

„Spielen Sie kein kurz, wo kein kurz ist.“ Seine Anweisung an das Orchester ist klar, nachdem er mitten im ersten Satz abbricht. Dem kommissarischen Generalmusikdirektor der Stadt Aachen entgeht nichts. Als Dirigent müsse man diplomatisch klarstellen, dass passieren muss, was man sich vorstellt. „Wenn ich an einer Stelle ein Forte haben will, dann verlange ich das auch.“ Dabei dürfe man die Bedürfnisse und Ideen des Orchesters nicht ignorieren, sondern annehmen und Kompromisse eingehen. „Das ist jeden Tag aufs Neue eine Gratwanderung, bei der man sich selbst treu bleiben muss, um dem Orchester ehrlich zu begegnen.“ Sein Geheimnis, um im harten Musikbusiness zu bestehen: Immer man selbst bleiben!

folgt folgtFotos: Andreas Herrmann. Foto: Andreas Herrmann

Nur die eine Spielzeit

Für diese Spielzeit hat er das Amt des kommissarischen Generalmusikintendanten inne. Das war folgerichtig, da Thorau seit 2014 erster Kapellmeister war und daher das Orchester und die Sänger gut kennt. Geboren wurde Justus Thorau 1986 in Berlin. Musik spielte in seiner Familie immer eine große Rolle. Schon während seines Studiums in Weimar wurde er 2011 als 1. Preisträger des Deutschen Hochschulwettbewerbs Orchesterdirigieren und als Sonderpreisträger beim Deutschen Dirigentenwettbewerb 2015 ausgezeichnet. Thorau war Stipendiat des Dirigentenforums des Deutschen Musikrates und steht auf der Künstlerliste „Maestros von Morgen“.

Die viele und harte Arbeit als GMD zahlt sich aus, denn selten habe er ein so begeistertes Publikum gesehen. Die Reihe „Orchester hautnah“, bei der sich die Musiker mitten unters Publikum mischen, ist seine Idee. Das erzählt er mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht.

Mit solchen Aktionen will er die Menschen nah ans Orchester und die klassische Musik heranführen. „Die Menschen sollen sehen, dass man früher nicht einfach auf ‚Play’ gedrückt hat, sondern, dass echte Musiker in genau diesem Moment spielten. Und so machen wir es heute immer noch.“ Vielen sei gar nicht bewusst, dass sie fast täglich von klassischer Musik umgeben sind, zum Beispiel, wenn sie einen Film schauen oder Computerspiele spielen. „Schön wäre es, eine Sensibilität dafür zu schaffen oder sogar Faszination zu wecken.“

Während des Interviews sitzt er ganz locker mit übereinander geschlagenen Beinen da. Das Hemd nicht bis oben zugeknöpft. Wenn er über die Musik und seine Arbeit redet, wird er ernst. Es ist nun mal der größte Teil seines Lebens. Zwischendurch lacht er, manchmal schüchtern, dann wieder amüsiert.

„Er ist immer ganz bei der Sache, wenn es um Musik geht und weiß genau, was er will. Trotzdem hört er zu, was ihm das Orchester anbietet. Das macht nicht jeder Dirigent“, sagt Daniel Wenzel, der erste Cellist des Orchesters. In den Proben gebe er nur einen kleinen Teil seiner Emotionen preis. Erst im Konzert packe er die volle Ladung aus und reiße das ganze Orchester mit. Nicht nur das Publikum wolle er überraschen. „Manche Kollegen aus dem Orchester haben Beethovens Neunte schon gespielt, da waren Justus und ich noch gar nicht geboren. Er bringt Abwechslung rein. Außerdem tanzt er nicht so selbstdarstellerisch auf der Bühne wie manch anderer Dirigent.“

Besonderes Ritual

Die meiste Arbeit vor Konzerten passiert bei Justus Thorau im Kopf. Warum schreibt der Komponist das so? Wie meint er das? Zu seiner Zeit waren Beethovens Sinfonien schockierend für die Menschen. Sie hielten sich manchmal sogar die Ohren zu. Heute ist das nicht mehr so. „Man muss die Leute wieder überraschen, sogar erschrecken. Sei es nun mit einem Paukenschlag, der einfach weggelassen wird, oder Konfetti, das von der Bühne rieselt.“ Nur so könne man die Wirkung von damals erzielen.

Und zu Hause? Welche Musik hört er? Er lacht. „Eigentlich höre ich selten Musik zu Hause. Und wenn, dann nur zum Arbeiten. Sehr analytisch. Früher habe ich ab und zu die Beatles angemacht.“

Ein besonderes Ritual vor Auftritten hat er nicht. „Ich ziehe mich immer sehr spät um. Dann ist das manchmal stressig, sich noch schnell die Fliege oder die Krawatte zu binden.“ Kurz vor dem Konzert geht er noch mal auf die Bühne und kontrolliert sein Dirigierpult. „Nicht, dass da irgendjemand was vertauscht hat.“

In die Partitur vertieft, sitzt er in seiner Garderobe. Die Beine wieder übereinandergeschlagen, dieses Mal allerdings sehr konzentriert. Er bewegt leicht den Kopf und knabbert dabei an seiner Unterlippe. Ab und zu bewegt er eine Hand, als würde er heimlich dirigieren und wackelt gleichzeitig mit dem Fuß. Mit seinem inneren Ohr hört er das Orchester. „Das ist wie bei einem Sportler vorm Wettkampf. Man fokussiert sich. Tunnelblick.“

Er spricht aus Erfahrung. Neben der Musik hat der Sport einen großen Platz in seinem Leben. Sein Lieblingsort in Aachen ist der Stadtwald. Dort fährt er Fahrrad. Allerdings macht er keine gemütliche Radtour am Sonntag. Es geht rasant mit dem Mountainbike die Abhänge runter.

So souverän wie heute war er nicht immer. Lachend erinnert er sich an eine Situation, in der er vor einer Jury dirigieren musste. „Ich hatte nur zehn Minuten Zeit, musikalisch zu arbeiten. Leider bekam ich vor dem Orchester keinen Ton heraus, weil ich so einen trockenen Mund hatte.“ Heute moderiert er locker die Sinfoniekonzerte und sucht den Kontakt zum Publikum.

„Ich würde es natürlich besser finden, wenn sich noch kein neuer GMD gefunden hätte. Aber das ist in Ordnung. Ich wusste es vorher.“ Er ist gespannt, wie es für ihn weitergeht, wenn seine 308 Tage vorbei sind.

Sein schwarzes Hemd wirft Falten am Rücken während er sich gegen die Wand lehnt und dabei seine Arme dehnt. Seine Werkzeuge. Dabei macht er ein paar Witze mit dem Solosänger, der auch auf seinen Auftritt wartet. Justus Thorau geht gleich auf die Bühne und wird ein Konzert dirigieren. Seine Freundin kommt rein, drückt ihm einen Kuss auf den Mund und sagt: „Mach’ eine gute Show.“ Dann geht er auf die Bühne. Es ist eine gute Show.