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Aachen: Junges Leben auf Treibsand: Jubelstürme für „Mouchette”

Aachen : Junges Leben auf Treibsand: Jubelstürme für „Mouchette”

„Schon wieder zu spät. Der Bus ist wieder weg, ätzend der Stress.” Der Teenager Mouchette lässt Frust und Aggression einfach raus - gegen die unsichtbar bleibende „Mama”, gegen die verhasste Sportlehrerin, „die fette Kuh”, gegen das Leben selbst.

In die Schule gehen? Wozu denn, wenn man in einer zugemüllten Wohnung haust, mit einer „Schlampe” von Mutter, die sich dem Alkohol ergeben hat, und der Baby-Schwester, um die sich Mouchette kümmert, weil es sonst keiner tut. Der Vater, ein Spanier, ist längst „verschollen”.

Im voll besetzten Mörgens ist es mäuschenstill, denn der „voll krasse” Jugendjargon wirkt keineswegs aufgesetzt. Mit „Mouchette” hatte der flämische Bühnenautor und Theatermacher Arne Sierens 1990 seinen internationalen Durchbruch. Einst Sänger einer Punkband, gründete der Regisseur (48) vor 25 Jahren die Theatergruppe „de sluipenden Armoede” (die schleichende Armut).

Der Name war Programm - in kreativen Prozessen entstanden gemeinsam mit „seinen” Schauspielern lebenspralle Sozialstücke mit unverstelltem und doch kunstvollem Alltagsjargon wie auch hintergründigem Humor wie zum Beispiel in „Bistro Martino”, 2004 im Theater Aachen erfolgreich aufgeführt. Sierens´ Helden sind die kleinen Leute, eine Subkultur zwischen Zwist und Zwängen, Sehnsucht und Gewalt.

Die 18-jährige Schülerin Armiti Fasihzadeh Naini, von der Regisseurin Julia Afifi in einem aufwendigen Casting für die Hauptrolle ausgesucht, ist das Mädchen Mouchette. Sie muss sie nicht effektvoll „verkörpern”: Eine ganze Stunde ist sie diese 14-Jährige, deren Leben auf Treibsand aufgebaut scheint, auf Tagträumen von Glamour und rauschender Party ebenso wie auf Lügen und Verleugnung.

Doch dahinter stehen nur Frustration, Stolz und Verzweiflung. Dennoch lädt Sierens´ schwarzer Humor immer wieder zum Lachen ein. Die Regisseurin hat die blutrote Schräge im Mörgens als Spielfläche entdeckt - wo sonst manche Zuschauer ins Rutschen kommen, spielt jetzt das Leben.

Wird Mouchette die Kurve kriegen oder völlig abrutschen? Als sie auf den Macho Arsène trifft, der sie reichlich unverschämt „anmacht”, wirkt das keineswegs wie eine Wende zum Besseren. Verblüffend echt als zwielichtiger Kleinkrimineller turnt Sebastian Stert akrobatisch an den passenden Gitterstäben - und Mouchette auf der Nase herum.

Scheinbar mühelos meistert Stert den schauspielerischen Drahtseilakt zwischen bedrohlichem Testosteron, jugendlichem Übermut und menschlichen Abgründen. Arsènes frotzelnde Ironie, seine Wärme und sogar seine Brutalität werden zu „Anstößen” für Mouchette, nach Veränderungen zu suchen. Sierens´ „Körpertheater” offenbart es: Ihr Blick ist klarer, der Kopf hebt sich.

Lauter kleine lebendige Momentaufnahmen, die Julia Afifi wunderbar intensiv und unverkrampft in Szene setzt. Kongenial unterstützt wird sie dabei von Anton Bermans subtilem Klangteppich und vom Rapper Dervis „Engin” Düztas, dessen kraftvolle Texte - fast wie ein antiker Chor - das Stück begleiten. Hervorragend auch Bühne und Kostüme (Christin Vahl/Sigrid Brüninghoff).

„Mouchette” braucht kein Happyend, doch ein Wunsch wird wahr: Auf dem Schulball wird sie tanzen, alle in Grund und Boden tanzen, in einem Flamenco-Traum aus schwarzer Spitze, Glitzerfünkchen und unbändigem Lebenswillen.

Beifallsstürme und lauter Jubel vom überwiegend jungen Publikum für alle Beteiligten und die überzeugende Erstaufführung in deutscher Sprache.