Jugendstück „Keine Lieder“ im Grenzlandtheater Aachen

Jugendstück „Keine Lieder“ im Grenzlandtheater : Eine Frage von Vertrauen und von Respekt

Wie zerbrechlich kann eine als einmalig empfundene Freundschaft sein? Oder wie stark? Und wie viel Respekt braucht eine tiefe Freundschaft? Dieser Frage geht „Greta“, das junge Grenzlandtheater Aachen, mit „Keine Lieder“ nach, einem Stück für Jugendliche ab 14 Jahren von Christina Kettering.

Marc (Fabio Piana), Ella (Jennifer Tilesi Silke) und Linda (Sophie Botschek) treffen sich jedes Wochenende in einer alten Farbenfabrik (Bühne: Tom Grasshof) – sozusagen ihr eigenes Freundschaftslabor. Hier gelten die Regeln der Außenwelt nicht. Marc muss nicht sportlich wie die anderen Jungs in den See springen. Ella darf verstörend schön sein, ohne ständig angemacht zu werden. Linda darf so unbestimmt und unentschlossen sein, wie sie eben ist. „Hier kann jeder sein, wie er will.“ Und niemand muss sich der Freundschaft des anderen ständig neu versichern. „Ihr seid sowieso da“, konstatiert Ella fast nebenbei.

Doch dann taucht Adrian auf. Und wirft eben diese Gewissheit über den Haufen. Er – etwas älter als die drei Freunde – schleicht sich zuerst in Ellas Herz. Mit einer Decke, mit Wein. Und mit Lyrik. Linda weiß nicht so recht, was sie von dem jungen Mann halten soll, ist aber zu unentschlossen für eine klare Haltung. Nur Marc erkennt in Adrian den alles verändernden Eindringling. Und wird damit zum Opfer: Auf einmal kursieren unappetitliche Bilder von ihm in Sozialen Netzwerken, dann steht er ganz real ohne Hose da.

„Böse Menschen kennen keine Lieder“ heißt es im bekannten Sinnspruch. Der kultivierte Adrian, der Rilke rezitiert, ein böser Mensch? Adrian bekommt in der Inszenierung von Carolin Leweling kein Gesicht. Fabio Piana, Jennifer Tilesi Silke und Sophie Botschek wechseln ständig in die Erzähler-Rolle. Adrian spielen sie abwechselnd mit. Das erfordert hohe Konzentration beim jugendlichen Publikum, macht den unsichtbaren Vierten aber noch subtiler, mysteriöser und undurchschaubarer. Seine Motive, die Drei an den Rand ihrer Freundschaft zu bringen, bleiben im Dunkeln. Den drei Darstellern gelingt es durch gut austariertes Tempo und starke Präsenz, das junge Publikum in die Geschichte mitzunehmen.

Hinzu kommt, dass das Thema von „Keine Lieder“ nah an der Lebenswirklichkeit der Acht- bis Zehntklässler ist, ohne dabei aufgesetzt zu wirken. Verstörend bleibt es trotzdem: Wie leicht lassen sich Menschen manipulieren? Wie schnell ist tiefstes Vertrauen verspielt? Eine Mahnung durch die Hintertür.