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Köln: Jonas Burgwinkel: „In erster Linie kommt es auf die Energie an”

Köln : Jonas Burgwinkel: „In erster Linie kommt es auf die Energie an”

„Auf ein solches Naturtalent am Schlagzeug hat der Jazz in Deutschland lange warten müssen.” Klar, dass man dieses kaum zu übertreffende Zeitungs-Kompliment auch auf der Homepage von Jonas Burgwinkel findet.

So quasi-natürlich wie seine handwerklichen Fähigkeiten wirkt auch die Mischung aus Bescheidenheit und Selbstbewusstsein, die den 30-Jährigen zum Liebling auch eines Publikums macht, das großenteils kaum freiwillig in ein Jazz-Konzert gehen würde.

So geschehen bei der Gala unserer Zeitung „Menschen 2011” im Januar. Bei den Profis ist Jonas Burgwinkel inzwischen so beliebt, dass er Bitten um Gastspiele ablehnen muss. Schließlich hat er auch noch einen Job als Professor an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln. Zum Glück wohnt er da gleich nebenan, im Kunibertsviertel hinter dem Bahnhof.

Der Echo ist nicht Ihr erster, aber wahrscheinlich der Preis mit den größten Folgen für Sie.

Burgwinkel: Das hoffe ich. Der Solistenpreis beim North Sea Jazzfestival war für eine Spielsituation, und der Jazzpreis des WDR, das ist halt Nordrhein-Westfalen. Der Echo wird in ganz Deutschland wahrgenommen, das ist schon etwas anderes. Dieser Preis hat einen großen Namen, der vor allem nicht auf den Jazz beschränkt ist.

Kein zweiter deutscher Drummer dürfte gegenwärtig so häufig zum Einsatz kommen wie Jonas Burgwinkel, schätzt ein guter Kenner der Jazz-Szene. Ist das so?

Burgwinkel: Ja, das könnte tatsächlich so sein. Daran muss ich mich selber erst einmal gewöhnen. Eigentlich ist man als Musiker unheimlich glücklich, wenn man genug zu tun hat, um davon leben zu können. Die meisten Leute haben leider eher das Problem, dass sie nicht genug zu tun haben, viel unterrichten müssen, und eher nebenher spielen. Ich habe von Anfang an das Glück gehabt, seit ich von Boston nach Köln zurückgekommen bin, viel zu tun zu haben. Seit zwei, drei Jahren muss ich lernen, nein zu sagen. Das fällt mir immer noch sehr schwer. Doch man merkt irgendwann, dass das Gesamte leidet, wenn man ständig über seiner Leistungsfähigkeit lebt.

Wie fing das alles an? Mit Kochlöffeln, wie Ihr Vater mal erzählte?

Burgwinkel: Das stimmt. Ich habe, mit sieben oder acht Jahren, mit Kochlöffeln angefangen, indem ich meiner Oma zu Schlagerplatten vorgespielt habe. Ich hatte zwei Cassetten, dazu habe ich gesungen und getrommelt, auf Töpfen und Kisten. Klar war, man braucht verschiedene Sachen, auf die man möglichst kräftig einhämmern kann. Der Rest hat sich in der Phantasie abgespielt.

Was haben Sie denn für Musik gehört, Ende der 1980er Jahre?

Burgwinkel: Da kam gerade der Dancefloor auf. Ich hatte aber das Glück, dass auf der einen Cassette etwas Jazzmäßiges drauf war: George Benson in L.A. (ein Gitarrist). Dann habe ich zu meinem neunten Geburtstag eine Snare bekommen. Von da an war klar, dass ich auf jeden Fall weiter spielen würde. Ich habe dann auch ziemlich schnell Unterricht genommen.

Mit zehn Jahren hatte ich schon drei Trommeln, und dann gab es zu jedem größeren Fest eine Trommel mehr. So hatte ich mit elf oder zwölf ein ganzes Schlagzeug zusammen. Und auch direkt meine erste Rockband, mit meinem Bruder am Bass und einem Mitschüler von ihm an der Gitarre. Das erste Stück, das wir gespielt haben, war „Smells like teen spirit” von Nirvana.

Und wie gewann der Jazz?

Burgwinkel: Tja, das ging dann schnell vom Rock zum Jazz. Wir brauchten einen zweiten Gitarristen. Da kam dann über eine Annonce, so ein Hippie-Typ, der schon fünf, sechs Jahre älter war. Meine Eltern fanden das, glaube ich, zunächst gar nicht so toll. Aber der hat eben „frei” improvisiert. Und durch dieses Drauflos-Jammen, und einfach mal gucken, was passiert, kommt man ganz automatisch in Richtung Jazz. Das war für mich eine ganz natürliche Art der Weiterentwicklung. Es wurde mit der Zeit komplexer und abstrakter, und man konnte immer mehr machen, was einem eben gerade so einfiel.

Und dann die erste Jazzband.

Burgwinkel: Mit etwa 14 habe ich Keith Jarrett entdeckt, die CD Belonging mit seinem europäischen Quartett mit Jan Garbarek und mit Jon Christensen am Schlagzeug. Davon haben wir Stücke mit meiner ersten Jazzband „gecovered”, die mein Musiklehrer an der Viktoriaschule damals mit mir gegründet hat. Mit dieser Band hatte ich dann auch mit 15 meinen ersten quasi professionellen Auftritt im Aachener Jakobshof. Da haben wir sogar schon teilweise Eigenkompositionen gespielt.

Gab es bestimmte Schlagzeuger, die geschmacksbildend für Sie wurden?

Burgwinkel: Ja, der erste war eben Jon Christensen, dann Jack DeJohnette, Vinnie Colaiuta und natürlich Tony Williams, der Drummer von Miles Davis. Schlagzeuger also, die nicht nur begleiten, sondern die Funktion des Schlagzeugs verändert, den durchgehenden Puls aufgebrochen haben.

Worauf kommt es für Sie vor allem an am Schlagzeug?

Burgwinkel: In aller erster Linie, dass man Energie hat. Das heißt nicht, dass man alles kurz und klein trommeln muss. Aber eine gewisse Präsenz und Grundintensität muss immer da sein. Das ist eher eine Sache der Einstellung als dass es unmittelbar messbar wäre.

Wie haben Sie Ihren quirligen Personal-Stil entwickelt?

Burgwinkel: Ich glaube, weil ich immer sehr unterschiedliche Jazz-Stile gespielt habe. Dieses stundenlange Jammen, einfach aus dem Nichts und mit viel Energie und Enthusiasmus was zu erschaffen. Das Gespür dafür zu entwickeln, was man eben in diesem bestimmten Moment machen kann.

Sie haben sehr viel geübt.

Burgwinkel: Auf jeden Fall. Mir war immer klar: Wenn ich professioneller Schlagzeuger werden will, muss ich auch etwas dafür tun. Mit 14 habe ich gedacht: So, jetzt wird es ernst, ich will das machen. Und ab jetzt übe ich jeden Tag, und zwar am besten mehr als zwei Stunden. An dem Punkt habe ich für mich gleichermaßen einen Schalter umgelegt.

Also mit strammer Disziplin, auch wenn man mal keine Lust hat.

Burgwinkel: Ja, Disziplin ist auf jeden Fall sehr wichtig. Wenn die Freunde im Westpark grillen, und ich aber noch nichts geschafft habe, hieß das: Ne, ich übe noch ne Stunde. So eine Art von Disziplin, die nur über den Willen funktioniert. Mich hat nie jemand dazu gedrängt.

Wie gelingt es Ihnen bei Ihrer spontanen, oft eruptiven Spielweise immer in der Time zu bleiben, mit das Wichtigste im Jazz? Haben Sie dauernd mit Metronom geübt, wie es sich gehört...?

Burgwinkel: Ich habe es auf eine ganz andere Art trainiert als andere. Mein Ziel war es, die Time nicht im metronomischen Sinne zu schlagen, also nicht an den Takt gebunden zu sein, sondern mein Zeitgefühl zu nutzen. Mein Zeitgefühl, das mir sagt, dass jetzt eine Stunde vorbei ist oder dass die Eier fertig sind. Wenn ich fünf Minuten abschätzen kann, müsste ich eigentlich auch einen Chorus (Strophe eines Songs), der 17 Sekunden dauert, relativ genau bestimmen können. So habe ich versucht, ganz komplexe Sachen mit den Füßen und den Händen zu spielen, ohne jemals die Time zu verlieren. Und ich habe schon ganz früh angefangen, nicht bloß Achtel- oder Sechzehntel-Triolen zu spielen, also die bekannten Raster zu bedienen, sondern auch Quintolen, Septolen, sogar Novemolen (also neun Noten in der Zeit von acht) ganz bewusst spielen zu können, um in meinem Gehirn ein noch genaueres Netz zu haben.

Da müssen die Mitspieler aber auch mitkommen, vor allem die Bassisten.

Burgwinkel: Das soll jetzt bitte nicht angeberisch klingen aber dadurch dass ich seit einigen Jahren bereits recht präsent bin in der Szene und auch viele Workshops an Hochschulen gegeben habe, ist meine Art zu spielen mittlerweile gerade in der jüngeren Generation recht etabliert. Es tauchen beispielsweise rhythmische Konzepte, die ich in Stadt xy verteilt habe, auf einmal an völlig anderer Stelle wieder auf. Oder ich sehe ein Konzert und auf einmal spielt der Schlagzeuger einen Groove, den ich eins zu eins auf einer CD mal eingespielt habe. Das ist dann fast ein bisschen unheimlich, was für einen Einfluss man da hat.

Source Direct, die CD Ihrer gleichnamigen Band, ist die Grundlage für den Echo-Preis. Eine Sammlung von Stücken, die Sie lange begleitet haben. Können Sie uns zwei, drei Stücke näher bringen?

Burgwinkel: Pinocchio, den Jazz-Klassiker von Wayne Shorter habe ich als Jugendlicher als ein ganz schnelles Stück in einer wahrscheinlich ziemlich geschmacklosen Version kennengelernt. Aber es hatte mich umgehauen, wie man das Stück so schnell und spektakulär spielen konnte.

In der Version Ihrer Band ist es ja eher ein mittleres Tempo.

Burgwinkel: Genau. Als ich dieses Stück immer besser kennenlernte, habe ich es mir viel ruhiger vorgestellt. Für unsere Version habe ich die Basslinie dazu entwickelt - eine auskomponierte Gegenstimme, die die ganze Zeit darunter läuft, aber nicht immer gespielt wird.

„Dont explain”, Billy Holidays berückendes Zeugnis einer selbstaufgebenden Liebe. So dekonstruiert wie von Source Direct hat man es noch nie gehört.

Burgwinkel: Das Stück ist hängengeblieben, weil ich es als 17 jähriger mit einer Sängerin immer gespielt habe, die ich sehr, sehr gut fand. Ein sehr trauriges und bittersüßes Stück. Ich wollte es schroff haben. Ich weiß gar nicht, wie ich auf diesen Groove gekommen bin, der ja eigentlich gar kein Groove ist sondern nur die runtergeschlappten Viertel. Ich wollte es möglichst karg und nackt. Das Saxophon am Anfang ist ja auch unbegleitet.

Italian Movie. Eine packende, anschwellende Hymne nach Art des berühmten Bolero.

Burgwinkel: Das war immer ein Lieblingsstück von mir, von einer ehemaligen Band, in der ich selbst gespielt habe (Art of Oryx), von Willem van Dijk, ein guter Freund und holländischer Bassist. Die ostinate Bassfigur läuft über das ganze Stück, auch die Melodie ist die ganze Zeit irgendwie präsent. Es ist nicht groß arrangiert, es sollte einfach ein großes Crescendo sein. Und zwischendrin ist, weil alles sonst recht statisch ist, recht viel Platz für mich. Das hat mir großen Spaß gemacht.

„Warum in die Welt hinaus schweifen und nach den großen Stars suchen, wenn ich hier in Köln alles habe, was ich brauche?”, haben Sie mal gesagt. Bleibt das so?

Burgwinkel: Erst einmal ist das so. In New York bin ich ohnehin zweimal im Jahr, und auch sonst gibt es viel Austausch. Ich habe ja auch Bands in anderen Ländern, eine in Dänemark, eine in Italien, und auch in anderen deutschen Städten, in München und in Berlin zum Beispiel. Und wenn man einen Gig in München hat, ist es bei der heutigen Mobilität völlig egal, ob der Saxophonist nun aus London kommt oder aus Berlin.

Eine ganz besondere Beziehung haben Sie offenbar zum Bassisten Robert Landfermann, der in etlichen Ihrer Formationen mitspielt. Das Duo gilt zurzeit auch als „die” deutsche Rhythmusgruppe.

Burgwinkel: Robert war (2004) der zweite Bassist, mit dem ich in Köln gespielt habe. Und es hat sofort funktioniert. Mittlerweile haben wir in unzähligen Formationen zusammen gespielt. Wir haben ein ganz großes Verständnis füreinander entwickelt, und wir können auf viel gemeinsame musikalische Erfahrung zurückgreifen. Er kann irgendetwas spielen, was wir mal vor fünf Jahren einmal aufgenommen haben - und ich weiß sofort, was er meint. Das ist einfach schön.

Der auch von Ihnen geschätzte Aachener Freejazz-Schlagwerker Paul Lovens ist Autodidakt - und weltberühmt. Doch seit vielen Jahren findet Ausbildung von Jazzern fast nur noch an Akademien statt. Geht es nicht mehr ohne?

Burgwinkel: Doch, es geht nach wie vor ohne akademische Ausbildung. Aber warum sollte jemand nicht an eine Hochschule gehen? Es sprechen ganz viele Gründe dafür, es zu machen. Zum Beispiel musst du nicht einmal Abitur haben, um etwas Künstlerisches zu studieren.

Sie sind zum damaligen Leidwesen Ihres Vaters auch vor dem Abi vom Gymnasium gegangen...

Burgwinkel: Stimmt. Man muss nur eine Prüfung über die besondere musikalische Begabung ablegen. Das ist also nicht dir große Hürde. Dann ist die Hochschule natürlich ein ganz großer Kontaktpool, da kommen jede Menge Leute zusammen, die das Gleiche wollen wie du. Die wollen Musik machen, die wollen etwas ausprobieren, was erreichen. Es gibt also keinen großen Grund, sich nicht dazu stellen zu wollen. Außer vielleicht diese Gleichbüglerei, die durch die Hochschulen stattfindet. Aber das ist jedenfalls an der Kölner Musikhochschule nicht so, es wird künstlerisch eigentlich jede Freiheit geboten. Und: Wenn die künstlerische Persönlichkeit stark genug ist, muss sie eine gewisse Ausbildung verkraften.

Seit einem halben Jahr sind Sie selbst Professor an der Hochschule für Musik in Köln. Was bringen Sie den Studierenden vor allem bei?

Burgwinkel: Ich versuche den Studenten die handwerklichen Mittel an die Hand zu geben, um das zu verwirklichen, was sie gerne wollen - im Idealfall, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich optimal ausdrücken zu können. In der ersten Stunde frage ich immer: Was sind denn deine Ziele, was ist dein Traum, wo willst du hin? Was sind deine Stärken? Was würdest du denken, was Deine Schwächen sind? Ich sehe es zwar, dass man an seinen Schwächen arbeiten sollte, aber umso mehr an seinen Stärken. Gerade heute muss man, meiner Meinung nach, das, was man von seiner Anlage her gut kann, noch mehr herausarbeiten. Um dann hinterher irgendetwas entwickelt zu haben, was einen aus der großen Masse herausstechen lässt. Es gibt fast nichts Langweiligeres als jemanden, der alles ganz gut kann.

Sie sind ganze 30 Jahre jung, hast schon ziemlich was erreicht. Was kommt nun?

Burgwinkel: Uff, schwierige Frage. Ich mache schon das, was ich liebe. Es könnte nur noch mehr international sein. Und was mir immer wichtiger wird: Ich will auch gesund bleiben und ich möchte gerne in 20 Jahren noch Spaß an Musik haben. Und ich möchte eine Familie haben und mich immer weiter entwickeln - und im Endeffekt immer den Spaß an Musik behalten. Und am besten noch erfolgreich dabei sein (lacht).