Aachen: Joachim Meyerhoff : „Die jungen Leute von heute sind toll!“

Aachen: Joachim Meyerhoff : „Die jungen Leute von heute sind toll!“

Höchstens mal „Die drei ???“, sonst nix, sagt Bestsellerautor Joachim Meyerhoff frei heraus. „Ich habe erst mit Anfang 20 angefangen, Bücher zu lesen.“ Das gesteht der 48-Jährige den rund 400 jungen Lesern, die ihn gerade mit dem Euregio-Schüler-Literaturpreis ausgezeichnet haben.

In seinem autobiografischen Roman „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ erzählt der Schriftsteller, der auch erfolgreicher Schauspieler ist, höchst amüsant von seiner Kindheit und Jugend.

Bei der Preisverleihung springt der sportliche 1,90-Meter-Mann auf die Bühne und bemerkt angesichts der Lobreden und Musikdarbietungen der jungen Menschen: „Man merkt, wie alt man geworden ist.“ Was ihn jung hält, erzählte er unserer Redakteurin Jenny Schmetz.

Die Schüler, die Ihren Roman ausgezeichnet haben, sind zwischen 15 und 20 Jahre alt. Wollten Sie noch mal so jung sein?

Joachim Meyerhoff: Nee! Wenn ich meine 15-jährige Tochter mit Freunden auf der Wiese im Park sitzen sehe, dann bekomme ich schon totale Sehnsucht nach der Jugendzeit, in der man noch nicht in diesen unendlich vielen Verantwortlichkeiten drinsteckte. Aber ich selbst war als junger Mensch überhaupt nicht richtig glücklich. Ich war weder gut in der Schule noch wollte ich als wilder Hund gegen meine Eltern aufbegehren. Glücklicher bin ich eigentlich erst mit Anfang 30 geworden. Da hatte ich als Schauspieler endlich eine Perspektive und musste im Theater auch nicht mehr 18-Jährige spielen, die sich gegenseitig abklatschen, also diese komische Pose des Jung-Jungseins.

Die Schüler loben, dass Sie „die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens humorvoll und nachvollziehbar“ beschreiben. Sind Sie denn mittlerweile erwachsen?

Meyerhoff: Na ja. Meine Kinder sagen mir, wenn ich zur Vorstellung gehe: „Spiel schön!“ Da frage ich mich schon: Kann das sein mit 48?! Aber eine naive Form des Spiels ist im Theater, besonders beim Probieren, ganz wichtig.

Auch da eine gewisse Verantwortungslosigkeit wie in der Jugend . . .

Meyerhoff: Genau, die ist elementar! Aber ich will das jetzt nicht romantisieren: Ich bin natürlich total erwachsen geworden! Mittlerweile bin ich sehr diszipliniert, das geht mit den beiden Berufen und meinen zwei Familien gar nicht anders. Das wäre also kitschig zu sagen: Ich bin ein großes Kind!

Es gibt ja dieses berühmte Zitat von Max Reinhardt: Ein Schauspieler sei derjenige, der seine Kindheit in die Tasche gesteckt habe, um bis ans Lebensende weiterzuspielen. Ist das also nostalgischer Quatsch?

Meyerhoff: Wenn man es auf Spiellust und -wut bezieht, dann ist da was Wahres dran. Aber auch beim Schreiben braucht man eine gewisse Fahrlässigkeit. Auch am Schreibtisch probiere ich. Da durchlaufe ich mehrere Stufen von Entwürfen, lese den Text laut, rhythmisiere und pointiere ihn. Bevor es nicht klingt, bin ich nicht zufrieden. Das ist eher ein physisches als intellektuelles Schreiben.

Wann haben Sie Zeit zu schreiben?

Meyerhoff: Ganz früh morgens von 5 bis 10 Uhr, aber nur wenn ich keine Theaterproben habe.

Sie haben mal gesagt: „Eigentlich mache ich Kindertheater für Erwachsene.“

Meyerhoff: Besonderen Erfolg hatte ich als Schauspieler immer mit sehr physischen Auftritten, etwa als Mephisto in Hamburg. Aber das habe ich wahrscheinlich gesagt, als ich ununterbrochen mit Regisseur Herbert Fritsch zusammengearbeitet habe. Da darf man toll herumturnen. In ihm habe ich meinen Meister gefunden. Er hat gesagt: „Du machst da ja höchstens drei Gesichter pro Sekunde, Du schaffst doch mindestens fünf! Und wenn Du da sprichst, musst Du auch noch ein bisschen schielen! Es geht immer noch mehr!“

Der Sitz-Akt des Schreibens muss für einen „Hochdruck-Zappler“ wie Sie doch eine Tortur sein!

Meyerhoff: Ich habe auch eine andere Seite! Das hat mit dem Zur-Ruhe-Kommen des Alterns zu tun.

Und wie kamen Sie zum Schreiben?

Meyerhoff: Es gab sehr geballt viele Verluste, die mich in ein Vakuum stießen: den frühen Unfalltod meines Bruders, den Tod meines Vaters und meiner Großeltern. Darauf fand ich im Theater keine Antwort. Daher habe ich versucht, meine vermeintliche Allerweltsgeschichte aus einem bestimmten Blickwinkel zu erzählen: mit Selbstironie und Witz. Das englische „wit“ trifft es besser: Es ist der Versuch, herauszukommen aus der Schwere des Denkens, hinein in eine verspielte Geistesgegenwart.

In Ihrem nächsten Roman werden Sie dann schon über 20 sein?

Meyerhoff: Ja, einen habe ich schon im Kopf, ob es dann noch weitergeht, weiß ich gar nicht. Das wird ein katastrophaler Liebesroman in der Provinz.

In Teil 3 schildern Sie Ihre katastrophalen Schauspieler-Erlebnisse als Werther in der Provinz. Da rufen Schüler beim Selbstmord-Schuss: „Endlich!“ Machen Sie sich Sorgen um den Zuschauer-Nachwuchs?

Meyerhoff: Ich mache mir eher Sorgen ums Theater! Ob es so flexibel und fantasievoll ist, junge Leute anzuziehen. Es kann doch mit dem Pfund wuchern, dass der Zuschauer im selben Moment dabei ist. Der Schauspieler riskiert seine Person auf der Bühne — und das gewinnt für junge Menschen, die sich in so vielen medialen und artifiziellen Kontexten bewegen, auch wieder an Besonderheit. Aber das Theater ist gefragt, die jungen Leute von heute sind toll!

Was sagt denn eigentlich Ihrer Mutter dazu, als Hauptfigur in Ihren Romanen aufzutreten?

Meyerhoff: Sie ist fast 80 und liest sogar aus meinen Büchern vor, sie hat mich auch hier bei einer Lesung mit Schülern vertreten. Momentan führen wir Verhandlungen darüber, wie wir uns das Preisgeld teilen werden. Ich habe auch schon überlegt, ob sie nicht die eine oder andere Theaterrolle von mir übernehmen kann. (grinst)

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