Aachen: Jenny Erpenbecks „Gehen, ging, gegangen“ ist der Roman der Stunde

Aachen: Jenny Erpenbecks „Gehen, ging, gegangen“ ist der Roman der Stunde

Ist sie eine politische Autorin? Jenny Erpenbeck (49) sind solche Bezeichnungen eigentlich herzlich egal. Auf jeden Fall ist ihr aktueller Flüchtlingsroman „Gehen, ging, gegangen“ ein Buch der Stunde, ganz nah dran an der politischen Realität.

Wie sie sich auch jenseits des Schreibtisches für Asylsuchende einsetzt, erzählt die Berlinerin, die am Sonntag in Aachen den Hasenclever-Preis erhält, im Gespräch mit unserer Redakteurin Jenny Schmetz.

Sie beschreiben in Ihrem Roman die Situation Berliner Lampedusa-Flüchtlinge — zwischen Asylbürokratie und Warten in Ungewissheit. Wie ist die aktuelle Lage?

Jenny Erpenbeck: Eigentlich unverändert — sogar eher schlechter, denn das Warten dauert an. Die Kirche beherbergt weiterhin 120 dieser Flüchtlinge in Notquartieren, sie dürfen immer noch nicht arbeiten und sollen eigentlich zurück nach Italien. Inzwischen war ich selbst in Italien und habe die Bedingungen dort gesehen: Es ist sehr schwer bis unmöglich für Flüchtlinge, dort zu überleben.

Für Ihr Buch haben Sie viele Gespräche mit Flüchtlingen geführt. Sie haben also noch Kontakt zu ihnen?

Erpenbeck: Ja sicher, einen Großteil meiner Zeit versuche ich, Quartiere zu finden. Einer der Afrikaner hat den Verstand verloren, einer ist gerade an Herzversagen gestorben, die anderen schlagen sich mehr schlecht als recht durch.

Sie setzen sich also nicht nur schreibend für diese Flüchtlinge ein.

Erpenbeck: Kann ich ja nicht! Ich habe mich mit ihnen angefreundet, da lasse ich sie doch nicht verrotten, wenn das Buch fertig ist! Ein 18-Jähriger aus Gambia ist inzwischen richtig in unsere Familie integriert. Ein netter Junge, der hier zur Schule gehen darf, weil er noch als Minderjähriger eingereist ist. Ich hoffe, dass wenigstens er es schafft.

Was sagen Ihr Mann und Ihr 14-Jähriger Sohn zu Ihrem Engagement?

Erpenbeck: Das ist für uns alle eine Bereicherung. Ich glaube, man kann seinem eigenen Kind nichts Besseres bieten, als dass es mitbekommt, was in der Welt los ist und wie es anderen Menschen geht.

Ihr Roman erscheint bereits in der siebten Auflage. Wie viele Exem-plare wurden bisher verkauft?

Erpenbeck: Über 100 000.

Mit Blick auf die Verkaufszahl Ihr bisher erfolgreichster Roman. Weil er als „Roman der Stunde“ ganz nah dran ist an der politischen Realität?

Erpenbeck: Ja, wahrscheinlich. Spätestens seit dem Sommer 2015, als der Roman herauskam, ist das für alle ein großes Thema. Es gibt auch nicht so viele Bücher, die Innenansichten von Flüchtlingsleben geben. Ich wollte wissen, wer diese Menschen sind, die zu uns kommen und für die sich keiner interessiert. Wo haben wir falsche Bilder im Kopf, wo sind unsere Ängste?

Wo sind Ihre Ängste?

Erpenbeck: Ich persönlich habe wenig Ängste. Wovor soll ich Angst haben? Dass einer meine zwei Brillantringe klaut? Das ist doch absurd! Wir hatten ein Dreivierteljahr einen Flüchtling bei uns zu Hause leben — und es war überhaupt nicht schwer. Manche denken vielleicht auch, dass ich naiv bin. Aber ich habe keine Angst vor dem „schwarzen Mann“. (lacht)

Die Jury des Hasenclever-Preises lobt Ihre „politische Zivilcourage“, Ihre „engagierte Literatur“. Finden Sie sich in diesen Kategorien überhaupt wieder?

Erpenbeck: (überlegt) Puh, na ja, hmm. Im Nachhinein sieht es so aus, als sei der Roman ein Selbstläufer gewesen, aber das Thema ist nicht einfach. Da das Buch parallel zur Recherche entstand, war auch für mich nicht vorhersehbar, was am Ende dastehen würde. Und mit dem Thema kann man in Teufels Küche kommen. Schon wenn ich schreibe, jemand sei „schwarz“, finden das manche politisch nicht korrekt. Vorgeworfen wurde mir auch, meine Hauptfigur, der Altphilologe Richard, schaue mit einem kolonialistischen Herrenblick auf die „tumben“ Afrikaner. Das ist natürlich Unsinn.

Was bekommen Sie sonst für Reaktionen — etwa bei Lesungen?

Erpenbeck: Viele berichten, dass sie einen anderen Blick eben auf ihre Ängste bekommen. Ein Ehepaar hat zum Beispiel erzählt: Bei uns ist eingebrochen worden, aber wir fanden das gar nicht mehr so schlimm. (lacht)

Wieso das?

Erpenbeck: Bei ihnen hat das Buch ein Nachdenken über Privateigentum ausgelöst. „Privare“ kommt ja aus dem Lateinischen und heißt eigentlich „berauben“. Privateigentum kommt nicht als solches auf die Welt. Die Frage ist, ob einem ein solcher „Besitzerwechsel“ überhaupt essenziell etwas anhaben kann. Materielle Werte betreffend, glaube ich, das nicht.

Wo wir gerade von materiellen Werten sprechen: Was machen Sie mit dem Hasenclever-Preisgeld, immerhin 20 000 Euro? Fließen die auf das kirchliche Spendenkonto für Flüchtlinge in Berlin, das Sie in Ihrem Roman angeben?

Erpenbeck: Nicht auf das kirchliche Spendenkonto, aber sicher werde ich einen ganz großen Teil für die Unterstützung von Flüchtlingen verwenden.

Und die 25 000 Euro vom Thomas-Mann-Preis, den Sie gerade bekommen haben?

Erpenbeck: (lacht) Ich kann Ihnen ja meine Steuererklärung geben! Sie müssen sich wirklich keine Sorgen machen, dass ich das Geld nur für mich behalte.

Na ja, Sie müssen ja auch davon leben.

Erpenbeck: Klar, ich bekomme kein regelmäßiges Gehalt. Aber eine Zeit lang habe ich sicher 2000 Euro pro Monat gespendet.

Abgesehen vom Preisgeld, welchen Stellenwert hat der Hasenclever-Preis für Sie?

Erpenbeck: Ich habe quasi einen familiären Bezug. Hasenclever stammt aus der Generation meines Großvaters Fritz Erpenbeck. Der hatte eine ganz ähnliche Jugend, allerdings nicht wie Hasenclever in Aachen und Leipzig, sondern in Osnabrück. Dort hat er angefangen zu schreiben und Theater zu spielen und war auch in einem Künstlerkreis aktiv. Er hat später auch Kritiken über Hasenclever-Aufführungen geschrieben.

Und die beiden verbindet ein Flüchtlingsschicksal während der NS-Zeit.

Erpenbeck: Ja, die Migrationsgeschichte Hasenclevers hat nach Westen geführt, die meines Großvaters nach Osten, in die Sowjetunion. Ich bin froh, dass ich Hasenclever durch die Preisverleihung entdeckt habe. Vorher hatte ich noch nichts von ihm gelesen. Aber die Hasenclever-Gesellschaft hat auf den Preis noch eine schöne Gesamtausgabe draufgeschlagen. (lacht)

Und was haben Sie gelesen?

Erpenbeck: Ein paar Stücke: „Der Sohn“, „Ein besserer Herr“, „Ehen werden im Himmel geschlossen“, seinen autobiografischen Roman „Irrtum und Leidenschaft“ und einige Essays. Ich wünschte, dass das, woran Hasenclever am Ende geglaubt hat, nämlich die Seelenwanderung, tatsächlich stattfinden würde. Das ist doch eine schöne Idee, dass sich alles nur verwandelt und es keinen Tod gibt.

Wann schreiben Sie denn noch mal ein Theaterstück?

Erpenbeck: Das weiß ich nicht. Im Frühling werde ich beginnen, über ein neues Buch nachzudenken. Aber ich habe das Libretto zur Oper „Lot“ von Giorgio Battistelli geschrieben, die am 1. April an der Staatsoper Hannover uraufgeführt wird. Es geht um den biblischen Lot und sein Weggehen aus Sodom — also auch eine Fluchtgeschichte.

Wird der Erfolgsautorin Erpenbeck auch mal wieder eine Opernregie angeboten?

Erpenbeck: Ja, schon. Aber mein Leben ist zurzeit ein ganz anderes.

In Aachen kann manch einer sich noch an Sie als Opernregisseurin erinnern: 2002 habe Sie hier Monteverdis „Le_SSRqOrfeo“ inszeniert. Die Kritiken waren eher schlecht. Was haben Sie für Erinnerungen?

Erpenbeck: (lacht) Dass die Bühne zu klein war für den Extra-Chor. Und dass ich — damals im sechsten Monat schwanger — mit einem dicken Bauch dem Chor vorgetanzt habe. Alle waren nett zu mir, weil keiner wollte, dass mit meiner Schwangerschaft was schief läuft. Ich habe also gute Erinnerungen an Aachen. Von Kritiken darf man sich nicht beeinflussen lassen.