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Aachen/Lausanne: Jean-Marc Probst ist der Botschafter des kleinen Prinzen

Aachen/Lausanne : Jean-Marc Probst ist der Botschafter des kleinen Prinzen

Es ist eins der meistgelesenen Bücher der Welt: „Der kleine Prinz“. Am 6. April 1943, vor genau 75 Jahren, erschien es erstmals im französischen Original und gleichzeitig auch als englische Übersetzung. Das moderne Kunstmärchen des französischen Autors Antoine de Saint-Exupéry hat seitdem viele Kinder und Erwachsene in seinen Bann gezogen.

So auch Jean-Marc Probst. „Der kleine Prinz“ und seine Geschichte verfolgen den Schweizer Unternehmer schon fast sein ganzes Leben. Über 4500 verschiedene Ausgaben von „Der kleine Prinz“ hat der 62-Jährige zusammengetragen. Im Gespräch mit Katharina Menne erzählt er, dass es längst mehr als eine Sammelleidenschaft ist. Es geht um Freundschaft, die Macht der Sprache und um Verständigung über Ländergrenzen hinweg.

Herr Probst, Sie kennen den kleinen Prinzen sicher in- und auswendig. Welche Stelle fasziniert Sie auch nach Jahren noch am meisten?

Jean-Marc Probst: Mein Lieblingskapitel ist schon immer das, in dem der kleine Prinz dem Fuchs begegnet und dieser ihn in seine Geheimnisse einweiht. In der Szene kommen auch die zwei berühmtesten Zitate des Buchs vor. Aber „Der kleine Prinz“ ist ein Buch, das man komplett gern haben muss. Ich möchte gar nicht so sehr eine bestimmte Stelle herausheben.

Auch nach 75 Jahren noch werden Zitate vom kleinen Prinzen verwendet und die Szenen als Text in Taufen und Trauungen eingebunden. Wie erklären Sie sich diese Popularität?

Probst: Ich habe über all die Jahre festgestellt, dass sich die Menschen, die das Buch ganz besonders gerne mögen, in drei Gruppen einteilen lassen. Die erste Gruppe findet Trost darin. Das sind Menschen, die eine Scheidung, einen Todesfall oder einen anderen Verlust erlebt haben. Aus der Liebe des Prinzen zu seiner Rose und aus seiner kindlichen Zuversicht schöpfen sie neue Kraft. Dann gibt es die Träumer, die das Buch aus spirituellen Gründen lesen. Die Geschichte an sich ist zwar nicht religiös — und das ist auch gut so, weil es damit auf der ganzen Welt verstanden und gelesen werden kann — aber es stellt wie eine Religion die großen Fragen, woher wir kommen, wohin wir gehen und warum wir da sind. Und dann gibt es die, zu denen ich mich zähle, die es wegen der darin enthaltenen Werte lesen. Es geht dort um Verantwortung, um Freundschaft, Respekt und Großzügigkeit.

Haben Sie in all den Jahren auch Menschen getroffen, die das Buch nicht mochten?

Probst: Ja, ein paar — aber nicht viele. Das sind eher Leute, die aus Prinzip anders als die Mehrheit denken wollen und absichtlich gegen den Strom schwimmen. Die meisten Menschen, denen ich in meinem Leben bislang begegnet bin, lieben das Buch. Kinder wie Erwachsene — das ist wirklich außergewöhnlich.

Sie haben die wahrscheinlich größte „Der kleine Prinz“-Sammlung auf der ganzen Welt, bestehend aus verschiedenen Übersetzungen und auch Literatur über das Buch. Wie kam es dazu?

Probst: Mit 17 Jahren habe ich die Geschichte selbst zum ersten Mal gelesen und war sofort tief berührt. Ich habe meine Ausgabe sehr oft verliehen und weitere Exemplare verschenkt. Als Student habe ich dann auf einer Reise in Tokio die japanische Übersetzung in einem Buchladen gesehen und sie sofort gekauft. Das Titelbild mit den Schriftzeichen hat mich angesprochen — da konnte ich nicht dran vorbeigehen. Ab dem Moment habe ich versucht, den kleinen Prinz in weiteren Sprachen zu finden und zu erwerben. Aus jedem Land, in dem ich war, habe ich ein Exemplar mitgebracht. Nach und nach wurden es immer mehr und auch Freunde und Verwandte haben mitgeholfen. Mittlerweile trage ich selbst dazu bei, die Sprachen, in denen es den kleinen Prinz gibt, zu erweitern.

Inwiefern?

Probst: Ich habe dazu eine eigene Stiftung gegründet, die „Fondation Jean-Marc Probst pour le Petit Prince“. Wir bringen im Jahr um die fünf neue Übersetzungen raus in seltenen Sprachen und Dialekten aus der ganzen Welt. Zuletzt haben wir den kleinen Prinz in Lanna übersetzt, einen Dialekt, der im Norden Thailands gesprochen wird. Gerade sind wir dabei, es in einen seltenen chilenischen Dialekt zu übersetzen, der nur noch von wenigen Sprechern beherrscht wird. Teilweise steht dahinter die Idee, Sprachen vor dem Verschwinden zu retten. Denn indem es Bücher gibt, werden Sprachen konserviert. Aber ich möchte auch die Botschaft des kleinen Prinzen verbreiten.

Welche Botschaft ist das?

Probst: Es geht mir um die Werte, die ich anfangs erwähnt habe: Freundschaft, Respekt, Großzügigkeit. Es besteht die kleine Chance, dass Menschen, die das Buch gelesen haben, andere Menschen, die auf der anderen Seite von Grenzen leben, nicht verachten und geringschätzen, sondern ihnen zuhören. Es ist mein Beitrag zur Völkerverständigung.

Wie viele Exemplare umfasst Ihre Sammlung zurzeit?

Probst: Ich habe aktuell 4684 verschiedene Exemplare in 353 Sprachen. Darunter sind viele Sondereditionen, auch Miniaturausgaben, gerade so groß wie ein Fingernagel. Ein Buch, das mir besonders viel bedeutet, habe ich von meinen Söhnen zum 50. Geburtstag bekommen. Es war damals die letzte noch auffindbare Ausgabe einer Übersetzung im Dialekt des Tessin, einer Region hier in der Schweiz. Außerdem habe ich eine Ausgabe, die wohl Che Guevara gelesen hat, denn er hinterließ darin eine Widmung an einen Freund.

Wird es einen Moment geben, in dem Sie genug gesammelt haben?

Probst: Nein, wahrscheinlich nicht so bald (lacht). Ich mache eher immer weiter. Ich plane zurzeit eine Dauerausstellung mit dem Namen „B-612“, so wie der Asteroid, auf dem der kleine Prinz wohnt. Es soll ein Ort werden, an dem die vielen verschiedenen Ausgaben nicht nur gezeigt, sondern auch gelesen werden können — von jedem, der möchte. Ein Ort der Begegnung und der Inspiration.