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Aachen: Investor holt sich blutige Blessuren

Aachen : Investor holt sich blutige Blessuren

Und wieder spielen die visionären Projektionen und die wachsende Modell-Landschaft im Mörgens mit.

Schauplätze und Häuser im Ostviertel Aachens wurden von künftigen Städteplanern und Architekten aufgenommen, für die Bühne bearbeitet, teilweise verändert und im Maßstab 1:100 verkleinert.

Lebensräume zwischen Heute und Morgen - sie waren bereits bewegter und bewegender Hintergrund im ersten Teil der TraumStadtSaga, in dem Stück „Solitaire” von Sigrid Behrens. Urbane Legenden und Utopien werden auch im zweiten Teil von Regisseur Thomas Fiedler sichtbar gemacht: In „fast wie zu hause” (die eigenwillige Schreibweise stammt von der Autorin) packt die junge Kölnerin Mirjam Strunk das vorgegebene Thema kraftvoll an, verwickelt das staunende Publikum in ein verwirrendes Abenteuer zwischen Flughafen, Straßenschluchten, Videoüberwachung und Hotels, Großprojekten und Kiosk-Heimeligkeit.

Erfrischend nüchtern

Erfrischend nüchtern der Auftakt am Lesepult: Gruppenbild mit drei Damen, zwei Herren und einer „Stadt in 32 Bildern”. Der Wolf im Schafspelz erscheint in Gestalt eines Investors, der aus dem beliebten Stadtpark das Technologiezentrum West machen will. In diesem modernen Märchen wird die Unschuld wohl am ehesten verkörpert durch das fremdelnde Mädchen Raqib, das nach einer Heimat sucht. Eher Arbeit und ein Leben sucht die überaus aktive Birke, die dem Investor Wolf sogar vor seinem Hotel auflauert. Dort lauert noch jemand auf Wolf - Eila, die Dame vom Sicherheitsdienst, kann ihren einstigen Geliebten nicht vergessen.

Nicht weichen von seinem angestammten Platz im Park will Ibrahim, der türkische Kioskbesitzer, der Wolf von früher kennt. Doch Freunde oder gar „Brüder” sind sie längst nicht mehr, und der vermeintlich Aggressivere von beiden, der wölfische Investor, holt sich blutige Blessuren. Hier wird tollkühn und witzig mit Klischees, Sprache und Verhaltensmustern gespielt, wobei die variable Modell-Landschaft samt Projektionen doch eher in den Hintergrund gerät.

Interessanter sind allemal die Figuren in einer sich verändernden Stadt, die ebenso Moloch wie Mutterschoß sein kann. Die urbane Ausstattung stammt wie schon in Teil eins von Maria Mahler. Fast schon surrealistische Züge nimmt die verwickelte Beziehung zwischen Eila und Wolf an - Anne Wuchold und Silvester von Hösslin sind unglaublich komisch in ihrem Geschlechterkampf und zeigen doch der Wahrheit trauriges Gesicht: Die beziehungssüchtige Eila und der feige Großkotz Wolf haben verschiedene Macken. Die passen gut zusammen, doch die beiden Menschen leider nicht.

Greinend ruft der arme böse Wolf die tüchtige Birke an, die alles richten soll. Nicole Tobler, die hier noch ein liebenswürdiger Hauch der „roten Zora” umweht, wird aber schön gemein, wenn sie Ibrahim die Meinung sagt. Subtil und überzeugend zeichnet Thomas Hupfer den angepassten Türken, der dem Bild der anderen entsprechen will. Mit feinem Zauber umgibt Cornelia Dörr die exotische Mädchenfrau Raqib, die der sonst so taffen Eila eine Heidenangst einjagt. Am Ende wirds sehr feurig und ein Krater tut sich auf - doch so mancher fühlt sich darin so wohl „fast wie zu hause”. Und Raqib erzählt leise ein Märchen, fast so poetisch und prophetisch wie das in Büchners „Woyzeck”.