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Interview mit Kulturstaatsministerin Grütters zur Corona-Krise

Interview mit Kulturstaatsministerin Grütters : „Ich hoffe, dass wir nicht verkrampfen“

Wie geht es weiter mit Theatern, Konzerten und Orchestern? Was bedeutet es, wenn über Monate das kulturelle Leben brachliegt? Darüber spricht Kulturstaatsministerin Monika Grütters im Interview.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) spricht im Interview mit Gregor Mayntz und Lothar Schröder über die Bedeutung der Kultur für eine Demokratie, aber auch für die Entwicklung jedes Einzelnen. Warum sie dazu rät, trotz des Virus nicht zu verkrampfen.

Frau Grütters, welche Kulturangebote vermissen Sie selbst am meisten?

Grütters: Vor allem Oper und Konzert. Die Musik geht unter die Haut, die Schwingungen sind intensiv. Deshalb blutet mir das Herz, dass sie zu den ersten gehörten, die dichtmachen mussten – und dass es nun so schwer ist, sie wieder ans Laufen zu bekommen.

In der Fußball-Bundesliga spielen die Akteure noch enger zusammen als im Orchestergraben.

Grütters: Das stimmt so nicht. Der Graben ist ein geschlossener Raum. Wenn eine Strauss-Oper gespielt wird, sitzen dort sehr viele Menschen eng beieinander. Das kann man mit dem freien Fußballfeld an der frischen Luft nicht vergleichen. Die Charité und sieben Berliner Orchester haben dokumentiert, wie sich Aerosole durch die verschiedenen Instrumente unterschiedlich verbreiten. Auf dieser Basis haben wir auch mit den Ländern gemeinsam fundierte Öffnungsszenarien erarbeitet.

Gibt es Unterschiede zwischen Fußball und Orchester?

Grütters: Das Tempo, mit dem die Bundesliga wieder begonnen hat, lässt einen schon über Wertigkeiten in der Gesellschaft nachdenken. Geisterspiele sind für Orchester jedenfalls keine Option, sie brauchen das Publikum – zumal den Orchestern die Übertragungswege des Fußballs eben auch nicht zur Verfügung stehen.

Was gilt für Kinos?

Grütters: Ich habe von Anfang an dafür plädiert, die Buchhandlungen von den Schließungen auszunehmen. Denn Bücher sind genauso Lebensmittel wie Obst, Käse und Nudeln. Danach haben wir die Museen wieder an den Start gebracht. Als nächstes sollten die Kinos drankommen, denn da steht zumindest kein leibhaftiges Ensemble auf der Bühne. Da Filmstarts für die Verleiher aber nur dann Sinn machen, wenn sie bundesweit am selben Tag laufen, müssen sich die Kinoverbände auch auf einen gemeinsamen Neustart-Termin verständigen.

Warum wurde das überhaupt so unterschiedlich gehandhabt: Einkaufen in engen Gängen, aber keine Kultur genießen in weitläufigen Museen?

Grütters: Der Vergleich ist unfair. Sie können ja nicht drei Monate ohne Lebensmittel auskommen. Außerdem gab es in den Supermärkten Abstands- und Mundschutzpflicht. In den Museen gibt es in der Regel erstklassige Klimaanlagen, die auch Aerosole zurückhalten. Zudem ist das Publikum in Museen daran gewöhnt, Abstand zu halten. Deshalb war ich auch der Überzeugung, dass die schnell wieder aufmachen können.

Müssen wir uns Gedanken über neue Theater, neue Festspielhäuser machen, über mehr kleinformatige Veranstaltungen statt Massenevents?

Grütters: Ganz ehrlich: Ich hoffe, dass wir uns nicht im Angesicht des Virus verkrampfen. Wir sind soziale Wesen, und Kultur in einer großen Gruppe zu erleben, ist ein zutiefst sozialer Vorgang. Alles andere ist ein Zugeständnis an eine unnatürliche Situation. Ja, wir sollten uns wappnen. Aber wir dürfen nicht Kulturtechniken opfern, die uns als Menschen ausmachen! Dabei ist ein Ein-Mann-Stück vor kleinem Publikum genauso wertvoll wie ein Rockkonzert mit 10.000 Besuchern.

Was ist das Wichtigste, was sie aus dieser Pandemie für den Kulturbetrieb in weiteren Pandemien gelernt haben?

Grütters: Dass wir Menschen Kultur brauchen und dass sie uns fehlt, wenn sie nicht mehr stattfinden kann. Für mich ist Kultur auch ein Ausdruck von Humanität. Ich will mir nicht die Unbefangenheit und Lebensqualität nehmen, indem ich mich in einem Ausnahmezustand einrichte. Kultur ist ein Modus unseres Zusammenlebens, und dahin wollen wir zurück.

Ist es für die Künstler ein Nachteil, dass die Kultur Länderangelegenheit ist und es deshalb unterschiedliche Regelungen gibt?

Grütters: Der Föderalismus hat sich als wohltuend für die Kultur erwiesen. Wir hätten bei einer zentralen Verantwortung nicht diese Vielfalt und nicht diesen Wettbewerb um die besten Ideen. Es ist festzuhalten, dass der Bund als direkte Reaktion auf den Lockdown mit einer enormen Großzügigkeit – 7,5 Milliarden für Sozialschutz, 50 Milliarden für Soforthilfen für kleine Unternehmen, Selbstständige und Freiberufler – für ganz Deutschland Angebote geschaffen hat, die auch sehr viele Künstlerinnen und Künstler nutzen konnten und können. Allerdings bedauere ich, dass nicht alle Bundesländer die Zahlung von Ausfallhonoraren ermöglichen, wie wir das beim Bund gemacht haben.

Was könnte in der Kultur die Einschränkungen in der Zeit der Pandemie nicht überleben? Und wäre damit auch eine Art Inventur der Kulturlandschaft verbunden?

Grütters: Wir arbeiten gerade zusammen mit dem Finanzministerium an einem Hilfs- und Rettungspaket für die Künste. Da geht es mir exakt um die kulturelle Infrastruktur. Ziel ist es, das große, dichte Geflecht insgesamt zu erhalten und zu beschützen. Denn wir müssen aufpassen, dass am Ende zwar nicht die Künstlerinnen und Künstler überlebt haben, aber ihre Arbeits- und Wirkungsstätten verschwunden sind. Aber natürlich ist auch das Publikumsecho wichtig. Wenn die Nachfrage nicht stimmt, dann helfen auch unsere Hilfen wenig.

Das Publikum also beantwortet die Frage: Ist das Kunst oder kann das weg?

Grütters: Wie Sie wissen, verdankt diese kleine Provokation sich einer Beuys-Ausstellung und ist heute selbst schon so etwas wie eine Kunstformel …

Sind öffentliche Gelder für die Kultur eine Subventionierung oder eine Finanzierung?

Grütters: Ich sehe das vor allem als eine Investition in die Zukunft. Kultur dient nicht nur der Unterhaltung, sie darf auch eine Zumutung sein und hat dadurch den Charakter eines kritischen Korrektivs unserer Gesellschaft. Deshalb ist sie für eine lebendige Demokratie unverzichtbar. In keinem autoritären System finden sie eine selbstbewusste Kultur, die öffentlich sichtbar ist. Dabei können wir stolz sein, dass das immense kulturelle Angebot in Deutschland auf großen Zuspruch stößt. Die deutschen Museen haben das Zehnfache an Besuchern im Vergleich zu allen Fußball-Bundesligaspielen. Wir haben einen der intensivsten Buchmärkte der Welt und die größte Buchmesse weltweit. Weil es dafür einen Bedarf gibt! Genau daraus speist sich in den Köpfen der Menschen das Wesen einer „Kulturnation“ wie unserer.

Eine Frage, die das Rheinland betrifft: Es geht um die Pläne und vor allem um den Standort eines neuen Fotoinstituts, für den Düsseldorf ja auch im Gespräch ist. Wie ist der Stand der Diskussion?

Grütters: Die Fotografie ist ja eine noch relativ junge Kunst, dennoch stellt sich schon jetzt die Frage nach dem Umgang mit den Nachlässen großer Fotografinnen und Fotografen. Und weil das Trägermaterial bei der Fotografie ja vergänglich ist, müssen auch konservatorische und restauratorische Probleme gelöst werden. Ich habe mich schon früh für dieses Thema interessiert und nach einer großen Veranstaltung im Juni vergangenen Jahres eine Expertenkommission zur Klärung der Grundlagen für ein Fotoinstitut eingesetzt. Dann hat die Stadt Düsseldorf ihr Interesse daran artikuliert und hat dafür geworben, dass am dortigen Standort etwas passiert. Das Land NRW hat eine Ko-Finanzierung in Aussicht gestellt. Das geschah aber alles, bevor die von mir einberufene Expertenkommission nach monatelanger Arbeit ihre Ergebnisse vorstellte. Das ist nun im März geschehen – mit einer Empfehlung für die Stadt Essen.

Was war dann die Aufgabe der Expertenkommission?

Grütters: Die Aufgabe der Expertenkommission war es, ein solides Konzept für ein Fotoinstitut zu erarbeiten. Dazu hat sie von Juni 2019 bis März 2020 über 70 Gespräche mit Fotografinnen und Fotografen und wichtigen Vertretern der Szene geführt. Zudem hat sie sich national und international Beispiele ähnlicher Fotoinstitute angeschaut. Im Vergleich verschiedener Standorte fiel in dem Konzept die Wahl auf Essen – mit überzeugenden Argumenten, weil hier schon viele Voraussetzungen zur Geschichte der Fotografie gegeben sind.

Wie kommt man jetzt aus diesem Dilemma heraus?

Grütters: Das ist nicht einfach, weil Düsseldorf ja auch für sich wirbt. Grundlage meines Handelns sind natürlich erstmal die Empfehlungen der Expertenkommission. Deshalb lassen wir jetzt eine Machbarkeitsstudie für Essen erstellen, die ergänzend auch Düsseldorf betrachten wird. So können wir uns auch in Bezug auf die reine Standortfrage ein Urteil bilden. Ich verstehe die lokalen Interessen in Düsseldorf und in Essen, aber entscheidend muss am Ende das Gutachten sein – und darin wird Essen empfohlen.