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Region: Interview: Das Geheimnis des Glaubens

Region : Interview: Das Geheimnis des Glaubens

In den Kar- und Ostertagen offenbart sich nach dem Verständnis der Christen der Kern ihres Glaubens: das Letzte Abendmahl, Tod und Auferstehung Jesu Christi. Gefeiert wird das in der Eucharistie.

„Was Jesus Christus an Gottesbeziehung und -erfahrung vermittelt und realisiert hat, wird in den letzten Tagen seines Lebens auf dem Weg zum Kreuz und insbesondere beim Letzten Abendmahl von ihm selbst nochmals wie in einem Brennglas zusammengefasst: in der Stiftung einer Erinnerungsfeier und das im Angesicht des Todes, aber auch im Horizont der Auferstehung“, sagt der Bonner Theologe Thomas Peter Fößel. Mit ihm sprach Peter Pappert über die Bedeutung der Eucharistie und über das, was Katholiken und Protestanten beim Abendmahl trennt und verbindet.

Region: Interview: Das Geheimnis des Glaubens

Ist die Eucharistie das Zentrum des Glaubens?

Fößel: Die Eucharistiefeier ist Quelle und Höhepunkt allen kirchlichen Lebens; sie ist die entscheidende Quelle der christlichen Existenz. Dazu gehört aber die enge Verbindung zur Taufe, in der die personale Verbindung mit Jesus Christus vermittelt wird. Dieses Taufbewusstsein gilt es gerade heute zu vertiefen.

In der Eucharistie geht es nach christlichem Verständnis um die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Jesu Christi. Wie schwer ist das heute zu vermitteln — selbst treuen, praktizierenden Gläubigen?

Fößel: Es war immer schwer zu vermitteln, weil die Eucharistie letztlich ein Glaubensgeheimnis ist. Dahinter steckt die Vorstellung, dass Gott in dieser Welt so sehr Wirklichkeit wird, dass er diese Welt mit seinem Innersten verbinden und so wandeln kann. Wir brauchen dafür immer verschiedene Denk- und Sprachkonzepte, um uns diesem Geheimnis zu nähern.

„Geheimnis des Glaubens“ heißt es in der Eucharistiefeier. Ist das ein theologischer Kniff, weil man ein Geheimnis eben nicht erklären kann oder muss?

Fößel: Nein. Geheimnis heißt hier: Es gibt einen Abstand zwischen Gott und uns, eine Unbegreiflichkeit und Unendlichkeit. Wir können uns aus unserer endlichen Erfahrung einen Begriff wie „ewiges Leben“ gar nicht selbst erschließen. Gottes Schöpferkraft übersteigt eben diese unsere endlichen Fähigkeiten.

Wie groß ist — erst recht bei Fernstehenden — die Gefahr des Missverständnisses, dass hier Zauberei, Magie im Spiel ist?

Fößel: Solche Missverständnisse hat es immer wieder gegeben. Die klassische Lehre der Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi wurde in Worte und Begriffe gefasst, die für uns heute sehr missverständlich sind. Diese Begrifflichkeit lässt sich nicht ohne weiteres in die Sprache unseres heutigen empirischen und naturwissenschaftlichen Weltbildes übersetzen. Entscheidend ist bei der Eucharistiefeier der Glauben an die personale Begegnung mit dem allmächtigen Gott: in einer realen Christusbegegnung in den eucharistischen Gestalten.

Was Sie entscheidend nennen, ist schwer nachzuvollziehen. Wie viele Gläubige, die in einer Sonntagsmesse das Eucharistische Hochgebet verfolgen und den „Leib Christi“ empfangen, begreifen, was sich abspielt, was gemeint ist, was es bedeutet?

Fößel: Das kann ich nicht beurteilen. Ich weiß nur, dass in unserer Zeit die Gläubigen tiefer in das Geschehen eingeführt werden müssten, um es mit ihren alltäglichen Erfahrungen und ihrer Lebenswirklichkeit verbinden zu können.

Wie soll das funktionieren? Wer glaubt, dass Jesus Christus in Brot und Wein im Wortsinn gegenwärtig ist? Und wer das nicht glaubt, ist der ein schlechterer Christ?

Fößel: Man kann die Begegnung mit Christus nicht in einem satzhaften Bekenntnis zum Ausdruck bringen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die reale Gegenwart Christi in Brot und Wein in der Eucharistiefeier für meinen Glauben und für den Glauben sehr vieler Gläubiger immer noch eine herausragende Bedeutung hat.

Erklärt die Kirche die Bedeutung der Eucharistie gut genug?

Fößel: Ich weiß nicht, ob es an der Erklärung durch die Kirche liegt. Wir haben alle die Aufgabe, die Lebenschancen, die aus einer christlichen Existenz erwachsen, stärker erfahrungsmäßig bewusst zu machen. Hier brauchen wir sicherlich neue Formate der Katechese und der liturgischen Bildung.

Das wäre nötig; denn wenn der Leib Christi gegessen und sein Blut getrunken wird, hört sich das einigermaßen archaisch an, ziemlich blutig. Das könnte auch Menschen, die die Botschaft Jesu schätzen, abstoßen.

Fößel: Auch das ist eine uralte theologische Frage — die nach dem Opfercharakter. Es geht bei der Eucharistiefeier gerade nicht darum, ein blutiges Opfer zu wiederholen, sondern darum, dass in Christi Tod und Auferstehung ein für alle Mal jede Form von Gewalt von Gott her entmachtet wird. Es geht in der Eucharistie gewiss aber auch um die Begegnung mit einem Menschen, der in der Tat für seine Gottesbeziehung sein Leben hingegeben hat.

Die Bergpredigt, die zehn Gebote, die Seligpreisungen, überhaupt viele Aussagen Jesu, die Vorstellung eines ewigen Lebens nach dem irdischen Tod — all das ist vielen Menschen überhaupt nicht fremd, sondern wirkt auf viele im Gegenteil attraktiv, einladend, freundlich. Tut die katholische Kirche sich einen Gefallen damit, dass sie ausgerechnet die Eucharistie so sehr ins Zentrum ihres Glaubens rückt?

Fößel: In der Eucharistiefeier nehmen wir das gesamte Leben Jesu Christi in den Blick. Zu dieser gehören ja auch die Schriftlesungen und das Evangelium. In der Eucharistiefeier wird die Bergpredigt geradezu in Kraft gesetzt. Denn die Eucharistiefeier verbindet uns nicht nur mit Tod und Auferstehung Jesu Christi, sondern mit dessen gesamtem Leben, seiner gesamten Person und eben auch mit der Bergpredigt und vor allem seiner Lehre vom Reich Gottes.

Wenn die Eucharistie so wichtig ist, ist der Priester unverzichtbar. Ist das auch ein Grund, der Eucharistie so große Bedeutung zu geben?

Fößel: Das sehe ich nicht so. Nach katholischem Verständnis muss die Treue zum Ursprung Jesus Christus gewährleistet sein. Wenn unsere Tradition weitergegeben wird, besteht immer die Gefahr, diesen Ursprung zu vergessen oder zu manipulieren oder zu marginalisieren. Das Amt ist nach katholischem Verständnis ein unverzichtbarer Sicherungsmechanismus für diese Ursprungstreue — ebenso wie die Heilige Schrift.

Und diese Ursprungstreue kann wirklich nur ein Priester gewährleisten? Warum ist die Eucharistie ohne den Priester nicht möglich?

Fößel: Es ist immer die Eucharistiefeier des einen priesterlichen Volkes Gottes. Das Taufpriestertum eines jeden und das Amtspriestertum repräsentieren gemeinsam auf je ihre Weise Christus. Nur im Miteinander beider vollzieht sich Eucharistie.

Wenn man diese Fragen nach der Bedeutung der Eucharistie einem evangelischen Theologen stellt, antwortet der etwas anderes?

Fößel: Jedenfalls ist das Amtsverständnis nach wie vor unterschiedlich. Es stellt sich in jedem Fall aber die Frage, wie die genannte Ursprungstreue gewährleistet werden kann.

Die Protestanten sprechen von Abendmahl. Warum? Was ist der Unterschied?

Fößel: Die verschiedenen Begriffe hängen damit zusammen, dass die Wirkungen der Eucharistie sehr vielfältig sind. Es geht um die engste Christusbegegnung, um die Vergegenwärtigung des österlichen Lebens Jesu Christi, es geht um die Mahlgemeinschaft, es geht um Sündenvergebung. Abendmahl und Eucharistiefeier sind zwei legitime Bezeichnungen, die die Fülle des eucharistischen Geschehens aus unterschiedlichen Perspektiven akzentuieren.

Aber worin konkret bestehen diese „unterschiedlichen Perspektiven“?

Fößel: Im einen Fall steht der Dank sagende Lobpreis Gottes im Vordergrund, im anderen Fall die Mahlgemeinschaft. Beide Aspekte sind wichtig und dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Ist die katholische Kirche immer noch der Auffassung, dass das Sakrament der Eucharistie in den evangelischen Kirchen nicht gültig gespendet wird?

Fößel: Das ist eine kirchenrechtliche Frage, die ich pauschal nicht beantworten kann. Die Vorstellungen der Eucharistie sind auch innerhalb der evangelischen Kirchen sehr unterschiedlich. Für die Ökumene ist entscheidend: Erstens, wir haben den einen gemeinsamen Ursprung in Christus, der in der Taufe grundgelegt ist. Zweitens, wir haben die eine gemeinsame Zukunft: der österliche Christus, der uns entgegenkommt. Auf dieser gemeinsamen Grundlage können wir die Gemeinsamkeit heute in intensiver Form begehen, nicht zuletzt von der gemeinsamen Heiligen Schrift her.

Heißt das: Eine gemeinsame Eucharistiefeier mit den Protestanten ist also möglich?

Fößel: Das hängt davon ab, ob die Einheit vollendet ist oder nicht.

Wann ist sie vollendet?

Fößel: Das ist schwer zu sagen, da die Vorstellung von Einheit durchaus sehr unterschiedlich ist. Nicht nur zwischen den Konfessionen, sondern auch innerhalb der Konfessionen selbst.

Wird das unterschiedliche Eucharistie-Verständnis von den meisten Gläubigen überhaupt noch als trennend empfunden?

Fößel: Bei evangelischen wie katholischen Christen hat sich angesichts der säkularen Herausforderungen das Bewusstsein herausgebildet, dass es eine gemeinsame christliche Kultur, eine gemeinsame christliche Lebensgestaltung gibt. Man schaut viel stärker auf das Verbindende als auf das Trennende.

Damit meinen Sie das Kirchenvolk.

Fößel: Ich meine damit alle Bereiche der Kirche. Das zeigt sich auch in gemeinsamen Erklärungen der Bischofskonferenz und der EKD etwa zum Reformationsjubiläum.

Eben. Die gibt es ja. Deshalb stellt sich die Frage, ob im theologischen Diskurs die Bedeutung der Eucharistie und der Dissens darüber deshalb so stark betont werden, damit man nicht zugeben muss, dass das unterschiedliche Verständnis zwischen Katholiken und Protestanten tatsächlich gar nicht mehr so groß ist?

Fößel: Ich sehe gar nicht, dass der Dissens so stark betont wird. Im Gegenteil: Wir suchen gemeinsam nach Formen, in denen wir unseren Glauben feiern und bezeugen können, und haben bereits viele gefunden.

Glauben Sie, dass Sie ein gemeinsames Abendmahl von Katholiken und Protestanten noch erleben werden?

Fößel: Das kann ich nicht sagen, weil ich morgen schon tot sein könnte; aber ich freue mich jedenfalls sehr auf unser gemeinsames Ostern.