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Krefeld: Intelligente Kleidung mit Beschützerinstinkt

Krefeld : Intelligente Kleidung mit Beschützerinstinkt

Die Tastatur im Ärmel, den Rechner in der Jackentasche und einen kleinen Computerbildschirm im Brillenglas - ein so gestalteter mobiler Arbeitsplatz ist längst keine Zukunftsmusik mehr.

Ein ursprünglich zum Spaß gedachtes Projekt von Alexander Büsgen an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach ist von der Zukunft bereits eingeholt worden: Ein Fingertipp auf den Ärmel genügt, um einen Computer mit Daten zu füttern. Elektroden, die in den Stoff eingewebt werden, machen die Kommunikation mit dem Rechner möglich. Mit seinem Team entwickelt Büsgen „intelligenten” Textilien.

Die Zeiten, in denen ein Webstuhl Meter für Meter nur Stoffbahnen produzierte, sind längst vorbei. Heute stellen die großen Maschinen auf Wunsch in viereinhalb Minuten die Sitzschale eines Motorrads her - aus Karbonfasern nahtlos an einem Stück gewebt. Modernste 3D-Technik bringt das Gewebe gleich bei der Herstellung in die richtige Form, erklärt der Wissenschaftler und zeigt auf ein quadratisches Stück starres Gewebe. Aus dessen Mitte wölbt sich eine Halbkugel heraus - in Verbindung mit Harz entsteht ein Schutzhelm, wie er auf Baustellen zu finden ist. Allerdings ist er etwas leichter. „Dieser Helm wiegt etwa 20 Gramm weniger als die sonst üblichen”, sagt der 47-Jährige. „Das macht das Tragen wesentlich angenehmer.”

Insgesamt 15 Wissenschaftler aus den Bereichen Physik, Chemie, Elektronik, Textil und Design tüfteln aber auch an der Veredelung von Oberflächen. Nanotechnologie ist dabei das Schlagwort, also die Beschäftigung mit kleinsten Teilchen. Die Partikel schützen Schuhe, Markisen und Tischdecken vor Abrieb, wirken wasser-, schmutz- und fettabweisend. „Die Socke” wiederum, wie Büsgen und sein Team einen hellgrauen „Proto-Strumpf” nennen, wartet mit einem anderen Clou auf: Batteriebetriebene Regelelektronik sorgt dafür, dass der Fuß des Trägers eine konstante Temperatur genießt. Sie schützt Diabetiker selbstständig vor Unterkühlungen. So soll sie Zuckerkranken helfen, die häufig an einem gestörten Temperaturempfinden leiden.

Die Möglichkeiten reichen aber noch weiter: Elektronische Fühler im Gewebe eines Unterhemdes übertragen auf einen Taschencomputer die Oberflächenspannung der Haut und bieten damit eine komfortable EKG- Langzeitmessung, über Tage, Wochen und länger. „Unsere Physikerin hat im Sommer einen ersten, überaus erfolgreichen Test gemacht”, freut sich der Wissenschaftler. Mit Hilfe eines eng anliegenden Bodys konnten problemlos die Herztöne auf einen Computer übertragen werden. „Uns kam dabei allerdings auch die Hitze und das dadurch verstärkte Schwitzen zu Gute”, gesteht Büsgen und erklärt, dass sein Team derzeit an einer Variante für trockene Haut tüftelt: „Wir versuchen uns gerade an einer leitfähigen Oberflächenbeschichtung.”

Besonders interessant könnte diese Neuerung für Menschen werden, die bereits einen Herzinfarkt hatten. Die Herztöne der Patienten könnten bei hohem Tragekomfort Tag und Nacht aufgezeichnet und beispielsweise direkt dem behandelnden Arzt zur weiteren Auswertung übermittelt werden. „Bei Anzeichen für einen zweiten Infarkt würde diese Technik sofort Alarm schlagen”, ist Büsgen überzeugt.

Daten hin, Daten her: Dass die Ergebnisse aus Mönchengladbach vorzeigbar sind, hat sich bereits rumgesprochen. Und so ist das Wissenschafts-Team der Hochschule auch vor Datenklau nicht geschützt. „Aber wir haben die Nase vorn”, ist der Wissenschaftler überzeugt.

Mehr Info unter: http://www.hs-niederrhein.de