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Marcinelle: In Vierergrüppchen zum Kinderkerker

Marcinelle : In Vierergrüppchen zum Kinderkerker

Gefasst, fast gelöst wirkte Laetitia Delhez, als sie am Dienstagmorgen vor Journalisten trat. „Ich bin ganz ruhig”, sagte die 22-Jährige und lächelte.

Dabei hatte die junge Frau mit dem blonden Pferdeschwanz und der schwarzen Brille eine Aufgabe vor sich, die enormen Mut erforderte: Sie musste zurück an den Ort, wo sie als 14-Jährige den schlimmsten Albtraum durchlebte - zurück in den Kerker, in dem ihr Peiniger Marc Dutroux sie vor fast acht Jahren festhielt, quälte und brutal vergewaltigte. ´

Ein merkwürdiger, fast schon kafkaesker Ortstermin ist es, den das Arloner Gericht anberaumt hat: 110 Teilnehmer des Prozesses gegen Dutroux, darunter auch Laetitia und ihre 20-jährige Leidensgenossin Sabine Dardenne, brechen mit zwei blauen Reisebussen in das 180 Kilometer nördlich gelegene Marcinelle bei der Industriestadt Charleroi auf. Dort besichtigen sie in Vierergrüppchen den schmalen Backsteinbau, in dem Dutroux 1995 und 1996 insgesamt sechs Mädchen gefangen hielt und missbrauchte. Vier von den Kindern im Alter von acht bis 19 Jahren überlebten die Torturen nicht.

Familie begleitete Laetitia

„Wir glauben, es ist wichtig, die Atmosphäre des Ortes zu sehen, zu fühlen und zu verstehen, an dem die Kleinen so lange bleiben mussten”, beschreibt der Anwalt von Pol Marchal, Vater der getöteten 17-jährigen An, die Motivation des Gerichts. Laetitia hatte zur Unterstützung Teile ihrer Familie an den Ort des Schreckens mitgebracht, darunter auch ihre Mutter. Sie sollten „sich vor Augen führen, was ich erlebt habe”, sagte die junge Frau. Für Laetitias Mutter war das zu viel: Sie erlitt nach dem Besuch des Kerkers einen Schwächeanfall. Sich vor Augen führen, welchen Horror die sechs Mädchen erlebt haben müssen - ist das in Marcinelle überhaupt möglich? Ihr Weg führt die mit Schutzhelmen bewehrten Prozessteilnehmer, darunter auch die zwölf Geschworenen, in den Keller des lange Zeit versiegelten Hauses an der Route de Philippeville 128.

Dort wartet das auf die Besucher, was ganz Belgien von unzähligen Fotos und Beschreibungen kennt: das Dutroux-Versteck. Doch kaum jemand kann sich die Beklemmung und die Todesangst vorstellen, die die Kinder in diesem feuchten winzigen Loch empfunden haben müssen: 99 Zentimeter breit, 2,15 Meter lang, 1,61 Meter hoch, umschlossen von dicken Mauern, die keinen Ton nach außen dringen lassen, und verschlossen mit einer 200 Kilo schweren Betontür, die nach außen mit einem Metallregal getarnt war.

Mit eiskalter Perfektion geplant

Mit solch eiskalter Perfektion plante Dutroux diesen Kerker, dass ihn Polizisten bei Hausdurchsuchungen nicht finden konnten. Und kalt und zynisch ist auch, was der 47-Jährige bei diesem Ortstermin über seinen Anwalt verlautbaren lässt. Sein Mandant fürchte, das leergeräumte Kellerversteck könne „noch feindlicher wirken” als damals, sagte Advokat Ronny Baudewijn. Als hätten die notdürftige Schlafstatt und die Spielkonsole freundlich gewirkt, mit denen sich die achtjährigen Freundinnen Julie und Mélissa und nach deren wahrscheinlichem Hungertod im Frühjahr 1996 die zwölf und 14 Jahre alten Mädchen Sabine und Laetitia in dem schmutzigen Raum begnügen mussten.

Draußen gerät der Termin zum Medienspektakel: Mehr als 100 belgische und ausländische Journalisten drängen sich auf einer Brücke, um einen Blick auf das Geschehen zu erhaschen. Aber was sich wirklich tut, erfahren nur die 30 Reporter, die an der Besichtigung teilnehmen dürfen. Denn die beiden Gerichtsbusse sind so vor dem Haus geparkt, dass sie wie ein Sichtschutz wirken.

Der Hauptgrund des Besuchs geht in dem Wirbel fast unter: Dutroux hat vermutlich vier Mädchen auf dem Gewissen, zwei weitere hat er für ihr Leben geschädigt. Daran erinnert auch ein Plakat mit Fotos seiner Opfer im Hauseingang, an dem alle Besucher vorbei müssen. „Endlich Gerechtigkeit für unsere Kinder!?” steht darauf.