Stolberg: „in memoriam“: Frauenakt und Hungermadonna

Stolberg: „in memoriam“: Frauenakt und Hungermadonna

Einem regionalen Heroen der Kunst widmet die Reihe „in memoriam“ in Stolberg jetzt ihre sechste Ausstellung: Anton Wendling (1891-1965). Organisiert wird die Reihe, die vorwiegend an künstlerische Größen erinnert, die im Gebiet der heutigen Städteregion entscheidende Schaffensjahre verbracht haben, von den Stolberger Galeristen Christa und Karl-Heinz Oedekoven.

Die Schau findet wieder statt in der ehemaligen Direktionsvilla im Museum Zinkhütter Hof. Die Eröffnung ist am Sonntag, 1. Mai, um 12 Uhr.

Bekannt ist Anton Wendling als einer der herausragenden Künstler der Glasmalerei des 20. Jahrhunderts, er wurde zu einem Vorbild ganzer Generationen von Vertretern dieser Zunft. So war etwa der Alsdorfer Glas-Guru Ludwig Schaffrath sein Assistent und Meisterschüler. Vier 27 Meter hohe Fenster in der Chorhalle des Aachener Doms stammen von Wendling (1951), unzählige in ganz Deutschland. In Stolberg erinnert die Ausstellung jetzt vor allem an die Frühzeit des in Mönchengladbach geborenen Künstlers, der ab 1927 Lehrer für Mosaike und Glasmalerei an der Kunstgewerbeschule Aachen und von 1936 bis zu seiner Emeritierung Professor für Freihandzeichnen und Aquarellieren an der RWTH Aachen war, mit seinen Holzschnitten und Aktmalereien.

Der Aachener Reiner Brochhausen bestreitet die Ausstellung komplett mit seiner eigenen Sammlung. Er hat bereits in den 70er Jahren sein Herz an Wendlings Werk bei einer Ausstellung im Suermondt-Ludwig-Museum verloren, über 50 Arbeiten hat er seither zusammengetragen. Das letzte stöberte er vor drei Wochen auf dem Flohmarkt an der Aachener Eissporthalle auf: eine originale Holzdruckplatte mit einer Madonnendarstellung aus dem Jahr 1930. Der Händler hatte die Signatur, ein W mit einem eingeschlossenen A, nicht zuordnen können. Fast die meisten der Wendling-Werke ersteigerte Brochhausen bei Ebay — manchmal waren die Holzschnitte nicht einmal als „Wendling“ ausgewiesen. Indessen: Dem Kenner sind sie nicht entgangen.

Frappierend manche Gegenüberstellung: Die „Hungermadonna“ einer verhärmten Maria entstand etwa zur gleichen Zeit wie ein leicht bekleideter weiblicher Ausbund an purer Lebenslust in den vierziger Jahren, als Wendling mit seiner Lebensgefährtin im belgischen Raeren wohnte. Martialisch-wehrhafte Heiligenfiguren und Erzengel dominieren da noch seine Holzschnitte — „die Supermänner der Zeit“, erklärt Kunsthistoriker Dirk Tölke, der die Einführung halten wird. Wendling gehörte einer religiösen Jugend- und Erneuerungsbewegung an. In seiner Glasmalerei fand er zu einer klaren, lebendigen, abstrakt-ornamentalen Formensprache.

Die Eröffnung der Ausstellung bildet den Auftakt zur 7. Kunstausfahrt in Stolberg am Wochenende mit 18 beteiligten Galerien und Ateliers.

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