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In Deutschland gehen die Lichter nicht aus

In Deutschland gehen die Lichter nicht aus

Aachen (an-o) - Schalter ohne Funktion, keine Kälte mehr im Kühlschrank, die Kerze als einzige Lichtquelle - Europa und die USA wurden von einer einzigartigen Serie von Stromausfällen heimgesucht. Ein RWTH-Experte gibt Entwarnung: So schlimm kann es in Deutschland nicht werden.

Dr. Heiko Neus ist als Oberingenieur am RWTH-Institut für Elektrische Anlagen und Energiewirtschaft in diesen Tagen viel gefragter Fachmann - denn plötzlich rückt ein Thema in den Mittelpunkt, das bislang als Selbstverständlichkeit behandelt wurde: Der Strom kommt aus der Steckdose, und das täglich und verlässlich.

Die massiven Störungen in der Versorgung, die in den vergangenen Wochen zunächst in den Vereinigten Staaten, dann auch in skandinavischen Ländern und zuletzt in Italien auftraten, machten die Verwundbarkeit des Versorgungssystems offenbar. Das stimmt, sagt Heiko Neus - aber gleichzeitig schränkt er deutlich ein: "Betroffen von den Stromausfällen der letzten Wochen waren Ausnahmeländer."

Am Beispiel Italien erläutert er dies so: "Die Italiener haben extrem viel Strom importiert und besaßen dabei relativ schwache Verbindungen zu Rest-Europa, die vor der Liberalisierung des Strommarktes aufgebaut wurden, jetzt jedoch sehr stark zum internationalen Stromhandel genutzt werden." Den Ausfall einer Hauptleitung habe dieses System noch verkraftet, doch als auch die Ausweichleitung in die Knie ging, sei der Totalzusammenbruch unausweichlich geworden.

Geringer Importstromanteil

Die hohe Importabhängigkeit, zu knapp dimensionierte "Umleitungssysteme" für ausgefallene Stromleitungen und geringe Produktionsreserven im eigenen Land sorgten für die drei großen "Blackouts" der vergangenen Wochen.

Jede dieser Schwächen besitzt das deutsche Netz nicht, betont Neus: Der Anteil von "Importstrom" sei geringer, die Möglichkeit, im Notfall durch nationale Produktion Ausfälle auszugleichen, sei höher und das Netz so konstruiert, dass es bei der Störung einer Hauptleitung zahlreiche Alternativen gebe. Entwarnung also für Deutschland und ein Handlungsauftrag für die Versorger der betroffenen Länder: "Ich weiß, dass es dort viele Überlegungen gibt, wie man die Sitation verbessern kann", erklärt er.

Gefahr durch die Windparks

Die deutschen Stromversorger sind also in der glücklichen Lage, von der nötigen Runderneuerung ihres Systems verschont zu bleiben. Doch Neus weist auf einen anderen Aspekt hin, der der Branche in Zukunft Schwierigkeiten bereiten könnte: große Windparks. Die Wälder von Windrädern werden nicht etwa bei einer Flaute zum Problem - das Gegenteil kann für Schwierigkeiten sorgen, sagt Neus: "Wenn zu viel Wind weht, dann greifen die Sicherungssysteme ein und schalten alle Räder plötzlich ab."

Mit anderen Worten: Erst produziert der Windpark eine überdurchschnittlich große Strommenge, dann kommt von einer Sekunde zur nächsten plötzlich gar nichts mehr. "Die Menge, die in einem solchen Moment wegfallen kann, entspricht der Strommenge, die plötzlich in Italien fehlte und für ein Chaos gesorgt hat."