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Düsseldorf: Im Trommelwirbel der Ekstase

Düsseldorf : Im Trommelwirbel der Ekstase

Diese Katerina macht Angst und reißt zu Mitleid hin. Sie ist das Urbild der Frau, wie es in den 30ern auch den musikalischen Neuerer Dmitri Schostakowitsch faszinierte und zu der radikalen Oper „Lady Macbeth von Mzensk” an-, besser gesagt erregte.

Katerina, jene in ironischer Anspielung auf Shakespeare sogenannte Lady Macbeth, ist die in bürgerlichem Wohlstand Gefangene, in der es gewaltig, vor allem sexuell brodelt. Bassklarinette und Kontrafagott gründeln um die Wette bei ihrer musikalischen Charakterisierung, die in eine Tonsprache eingebettet ist, die in der Musikgeschichte einzigartig blieb.

„Pornophonie” nannten zeitgenössische Kritiken jene Kopulationsmusiken Schostakowitschs, die in ungeheurer Drastik Vergewaltigung und sexuelle Ekstase auf der Bühne illustrieren und persiflieren zugleich. Xylophon und große Trommel hämmern um die Wette, wenn es zur Sache geht.

Russlands junger Starregisseur Dmitri Tcherniakov hat sich an der Rheinoper des Schostakowitsch-Opus´ angenommen und auch gleich für das Bühnenbild gesorgt. Er stellt den ersten Teil in die sachliche Glas-Blech-Architektur einer Logistik-Halle, in der Arbeiter in Blaumännern Pakete befördern, teils mit Gabelstaplern. Im Büro flimmern Flachbildschirme.

Diese Business-Umgebung umgibt wie ein Hochsicherheitstrakt Katerinas Welt, die mit warmen, brauntönigen Teppichen ausgeschlagene Zelle im Zentrum der Bühne. Tcherniakov zeigt von Beginn an verstörend unmissverständlich: Diese Frau ist und bleibt eine Fremde.

Und so wundert niemand, dass sie im Verlauf der Geschichte zunächst ihren übergriffigen Schwiegervater Boris vergiftet, dann den schlappen Ehemann Sinowij erwürgt, nachdem er hinter ihre leidenschaftliche Affäre mit dem Arbeiter Sergej gekommen ist. Schließlich, nachdem die Leiche im Keller zu sehr zu stinken beginnt, reißt sie eine Nebenbuhlerin mit in den Tod.

Tcherniakovs Sympathie gilt einzig dieser Frau. Aus ihrer emotionalen Selbstbestimmung entwickelt er eine Utopie von Freiheit, wie sie nur das Drama formulieren kann. Im Finale treibt er die Verdrängung der Nebenschauplätze, in denen Bourgeois, Arbeiter und eine korrupte Polizei Klassenkampf spielen, ins Extrem, indem er den riesigen Bühnenraum auf eine winzige Gefängniszelle verengt, in dem Katerina stirbt. Diese Bilder brennen sich ins Gedächtnis ein.

Victoria Safronova ist Lady Macbeth, sie bringt eine Fülle an Registern zum Glühen, wie man sie selten erleben darf auf der Opernbühne. Ihre Stimme klingt wie mit Samt ausgekleidet, sie kann in allen Lagen ein Höchstmaß an Dramatik erzeugen und bewahrt sich zugleich eine betörend jugendliche Farbe. Grandios als ihr Gegenspieler im ersten Teil verkörpert Tómas Tómasson den Boris mit wunderbar dunkler, heldischer Bariton-Farbe.

Sergey Nayda als Sergej strahlt auch stimmlich jene brutale Egomanie aus, die die lebenshungrige Widersprüch-lichkiet des Arbeiters bestimmt. Chor und Orchester leisten Großes, im Graben hält Ira Levin die Fäden zusammen, werk- und sängerdienlich zugleich. Ein großer Opernabend.