1. Kultur

Aachen: Ildikó von Kürthy: Ego-Trip mit Botox und Blondhaar

Aachen : Ildikó von Kürthy: Ego-Trip mit Botox und Blondhaar

Eigentlich ist sie ja eine „verfressene und versoffene Frohnatur“, versichert Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy. Ein Jahr lang aber war alles ganz anders. Für ihr Buch „Neuland“ hat sich die gebürtige Aachenerin gepiesackt, um zu testen, wie schön es ist, schön zu sein.

In der alten Heimat lässt die 48-Jährige am 19. Februar ihre Erfahrungen auf der Bühne lebendig werden. Über ihren „Selbstversuch in Selbsterfahrung“ sprach sie vorher mit unserer Redakteurin Jenny Schmetz.

 3nach9 Talkshow im Bild: Ildiko von Kürthy - Journalistin Ildiko von Kürthy hat sich für ihr neues Buch auf die Suche nach dem besseren Leben gemacht: Die Journalistin ging für ein paar Tage ins Kloster, verzichtete 365 Tage auf Alkohol, machte eine Fastenkur, besuchte einen Rhetorikkurs für Führungskräfte, ließ sich Botox spritzen und verzichtete auf fast alles, was gut schmeckt. DEU, Bremen, Radio Bremen, 3nach9, 15.01.2016, 3nach9 Talk show in Picture Ildiko from Kürthy Journalist Ildiko from Kürthy has to for her New Book on the Search after the better Life made the Journalist went for a Couple Days ins Monastery renounced 365 Days on Alcohol made a Fastenkur visited a Rhetoric course for Executives was to Botox Syringes and renounced on Almost everything what well tastes DEU Bremen Radio Bremen 3nach9 15 01 2016
3nach9 Talkshow im Bild: Ildiko von Kürthy - Journalistin Ildiko von Kürthy hat sich für ihr neues Buch auf die Suche nach dem besseren Leben gemacht: Die Journalistin ging für ein paar Tage ins Kloster, verzichtete 365 Tage auf Alkohol, machte eine Fastenkur, besuchte einen Rhetorikkurs für Führungskräfte, ließ sich Botox spritzen und verzichtete auf fast alles, was gut schmeckt. DEU, Bremen, Radio Bremen, 3nach9, 15.01.2016, 3nach9 Talk show in Picture Ildiko from Kürthy Journalist Ildiko from Kürthy has to for her New Book on the Search after the better Life made the Journalist went for a Couple Days ins Monastery renounced 365 Days on Alcohol made a Fastenkur visited a Rhetoric course for Executives was to Botox Syringes and renounced on Almost everything what well tastes DEU Bremen Radio Bremen 3nach9 15 01 2016 Foto: Stock/Stefan Schmidbauer

Von Karneval haben Sie in Hamburg ja wohl nichts mitbekommen. Also bestand auch keine Gefahr zu sündigen, oder?

Ildikó von Kürthy: Oh doch! Von einer Lesung in Münster habe ich mir zwei sehr große Tüten Mutzenmandeln mitgenommen.

Schon vernichtet?

Kürthy: Ja, sofort weg. Schon auf der Fahrt. Von denen hat keine Hamburg gesehen.

Diese rheinischen Karnevalsleckereien spielen auch eine Rolle in Ihrem neuen Buch. Sie bringen Ihren guten Vorsatz, ein Jahr auf Gluten und weißen Zucker zu verzichten, ins Wanken...

Kürthy: Ja, im Cluburlaub auf Fuerteventura konnte ich nicht widerstehen. In Fett ausgebackenes Glück!

Mutzenmandeln auf Fuerteventura? Wie viel in Ihrem sogenannten Sachbuch ist Fiktion?

Kürthy: Nichts in diesem Buch ist Fiktion!

Ein Jahr lang haben Sie sich dem Selbstoptimierungswahn hingegeben: mit Hungern, Meditieren, Faltenspritzen, angeschweißten blonden Fremdhaaren und vielen anderen Abenteuern. War Ihre Midlife Crisis so heftig?

Kürthy: Ach nein, wahrscheinlich weniger heftig als bei Frauen Mitte bis Ende 40, die ältere Kinder haben. Meine Söhne sind neun und fünf, da bin ich noch sehr beansprucht. Aber trotzdem habe ich schon vieles abgehakt auf der Lebens-To-do-Liste: Job und Mann gefunden, Kinder bekommen. Selbst wenn man ganz zufrieden ist, fragt man sich irgendwann: Geht das jetzt immer so weiter? Das bemerkte ich bei mir und massiv in meinem Freundinnenkreis. Da werden Männer verlassen oder Frisuren ausprobiert — von Yoga bis Auswandern ist alles möglich: Hauptsache Lebensveränderung!

Sie selbst haben Ihren Mann behalten, aber sonst so ziemlich alles ausprobiert.

Kürthy: Na ja, ich habe kein ganz neues Leben begonnen. Die meisten können ja keine Weltumseglung machen, nach Australien auswandern oder sich kostspielige Träume erfüllen. Und ich wollte ein Buch schreiben, in dem sich viele wiederfinden können.

Aber wenn Sie von Haarverlängerungen für 2100 Euro oder Fettzellenvereisung für 2975 Euro schreiben, ist das wohl eher was für Betuchte. Schönheit ist mittlerweile eine Frage des Kontostandes?

Kürthy: Ich habe ein paar Ausflüge ins Reich des Luxus gemacht. Schönheit ist schon ein Statussymbol wie ein Porsche. Aber was meiner Schönheit viel zuträglicher war, war eine ausgewogene Lebensweise: kein Alkohol, viel Schlaf, viel Sport. Das hat mein Aussehen auf eine mir viel angenehmere Weise beeinflusst — und hat nichts gekostet!

Aber das hat Ihnen nicht gereicht.

Kürthy: Nein, ich wollte eben ein Mal so klischeehaft schön wie möglich sein: schlank, blond und glattgebügelt. Um herauszufinden: Wie schön ist es eigentlich, schön zu sein? Wie sehr trägt das zum Lebensglück bei?

Sie waren weniger glücklich, nach 35 Tagen haben Sie Ihr Blondinen-Botox-Experiment abgebrochen.

Kürthy: Ich sah besser aus, aber ich fühlte mich nicht besser. Die rasante Zunahme an Aufmerksamkeit, die mir entgegengebracht wurde, hat mich sehr irritiert. Plötzlich winken Dir Idioten zu! Und andere haben mich nicht mehr angeschaut, weil sie mich in die Blondinen-Schublade gesteckt haben. Axel Milberg zum Beispiel hat mich gar nicht mehr erkannt. Den musste ich förmlich rütteln und sagen: „Du ich bine_SSRqs, ich bin doch ganz anders! Ich bin pummelig, ganz lustig und eigentlich immer betrunken! Da lohnt sich auch ein zweiter Blick!“ Er meinte dann nur: „Du hast eine Stirn, hinter der man nichts vermutet.“

Jetzt sind Sie wieder brünett und haben Gesichtszüge. Was haben Sie als wandelnde Männerfantasie denn über Emanzipation gelernt?

Kürthy: Für mich kann ich diesen Irrsinn abhaken. Ich möchte kein Sexsymbol sein. Diesem ungeheuren Druck des Gefallenwollens möchte ich mich entziehen, obwohl einem das verdammt schwer gemacht wird. Dieses Schönheitsdiktat ist Gewalt an Frauen. Es nötigt mir auch keinen Respekt ab, wenn sie dem Schönheitsideal entsprechen wollen. Ich mag es, wenn Frauen sich eher auf die Problemzonen im Hirn konzentrieren als auf die am Arsch.

Was war für Sie in diesem Jahr das Härteste?

Kürthy: Kein Zucker, Schweigen im Schweigekloster und künstliche Fingernägel.

Wo haben Sie das Glück gefunden?

Kürthy: Vielfach an unvermuteten Ecken. Etwa bei der Meditation oder bei der Wiederentdeckung des Reitens. Und generell: beim Mutigersein. Als ängstliche, kleine Rosine neige ich nicht zum Aufbruch, aber nach diesem unvergesslichen Parforceritt durch die Selbsterfahrung will ich mich dazu jetzt immer wieder motivieren.

Glückliche Erinnerungen verbinden Sie auch mit Ihrer Heimatstadt Aachen, die Sie im Buch öfter erwähnen. Sogar der Aachener Oberbürgermeister kommt gut weg!

Kürthy: Ja, bei meinem Besuch im Hospiz Haus Hörn hat man mir von der Todesanzeige erzählt, die die Stadt Aachen jedes Jahr für die Verstorbenen veröffentlicht, um die niemand getrauert hat. Bei der Gedenkfeier hat der Oberbürgermeister so bewegende Worte gefunden, dass ich sie zitiert habe.

Sie haben nur den Namen von Marcel Philipp falsch geschrieben.

Kürthy: Auweia, wie peinlich! Da muss ich den Verlag anrufen.

Na ja, Marcel Philipp ist das wohl gewohnt. Sie erwähnten es: Auf Ihrer Suche nach dem guten Leben haben Sie auch das Hospiz Haus Hörn besucht. Dort ist Ihre Mutter vor mehr als 20 Jahren gestorben. Was hat Sie wieder dahingezogen?

Kürthy: Dort konnte ich zum einen Rückschau halten: Woher komme ich? Wie waren meine Eltern? Zum anderen konnte ich mich mit dem Tod beschäftigen. Viele sagen ja, dass ein erfülltes Leben erst dann beginnen kann, wenn man sich klar macht, wie endlich es ist.

Hat sich Ihre Einstellung zum Tod durch das Selbstfindungsjahr geändert?

Kürthy: Nein, leider nicht. Ich hatte mir eine große Aussöhnung erhofft. So wunderbar das ist, was die Menschen im Hospiz leisten, habe ich nach wie vor Angst vor dem Tod. Wir werden keine Freunde. Mir bekommt es auch nicht, mir jeden Morgen zu sagen: Das könnte Dein letzter Tag sein.

Diese kurze Passage im Haus Hörn wirkte auf mich so, als wollten Sie Ihrem sehr unterhaltsamen Ego-Trip noch Tiefgang verleihen.

Kürthy: Das kommt ja immer sehr darauf an, was man als tiefsinnig empfindet. Mich mit Schönheit und Außenwirkung zu beschäftigen, finde ich nicht oberflächlich. Das hat für mich viel mit Emanzipation zu tun. Meditation, Innehalten, die Suche nach Muße, Kritik am digitalen Irrsinn — das mag für Sie oberflächlich sein, für mich ist es das nicht.

Sie bombardieren Ihre Leser geradezu mit Zitaten — aus Ratgeberliteratur und wissenschaftlichen Studien, aber auch von Geistesgrößen wie Goethe, Nietzsche oder Hegel. Wollten Sie den Herren vom Feuilleton mal zeigen, was Sie drauf haben?

Kürthy: Nö, wenn ich den Herren vom Feuilleton mal zeigen wollte, was ich drauf habe, dann würde ich mich selbst zitieren und nicht bei anderen klauen. Aber ich lese einfach gerne Aphorismen von klugen Leuten. Das empfinde ich als Super-Service für meine Leserinnen!

Aber das Feuilleton ignoriert Ihr Buch, oder? Fuchst Sie das?

Kürthy: Nein, ich verstehe die Frage gar nicht. Sie würden Martin Walser auch nicht sagen: „Sie kommen ja überhaupt nicht in Frauenzeitschriften vor, und die Yellow Press ignoriert Sie ja völlig!“ Ich habe genau die Zielgruppe, die ich haben will und die ich verdiene.

Also Frauen Ü 40, unzufrieden und „ungemacht“?

Kürthy: Ja, auf meiner Lesetour erlebe ich Sie ja derzeit wieder: gut gelaunte, nachdenkliche, fröhliche, ironische Frauen. Das sind sehr nette Begegnungen!

Im Internet findet man auch bösere Kommentare. Zum Beispiel: „Diese Sorgen möchte man haben!“

Kürthy: Daraus mache ich doch keinen Hehl, dass dieses Buch nicht geschrieben ist für Frauen in existenziellen Nöten!

Es geht um die Wehwehchen einer „Wohlstands-Tussi“ aus dem Nobelviertel Harvestehude, wie Sie selbst schreiben. Hatten Sie den Eindruck, sich — auch angesichts des Flüchtlingselends — rechtfertigen zu müssen?

Kürthy: Ich habe das im Buch an zwei, drei Stellen erwähnt, um zu zeigen: Leute, ich weiß das, ich bin ja nicht blöd! Mir ist klar, dass meine Sorgen und Nöte Teil eines erfüllten Traumes sind. Das Buch ist eine Luxusreise zu mir selbst.

Bei Ihren Lesungen in Aachen, Köln und Düsseldorf spielen Sie mit Uwe Brandt Szenen aus Ihrem Buch. Sie mit blonder Perücke oder er?

Kürthy: Ich! (lacht) Er wird aber auch kostümiert. Details will ich nicht verraten, aber wir machen Trips durch die Wildnis, auf den roten Teppich und zu einer Fastenkur. Uwe Brandt spielt eine Art Alter Ego: die beste Freundin, die sich die Falten nicht machen lässt, oder bei der das Abführsalz nicht wirkt.

Und Helene Fischer singt auch mit.

Kürthy: Ja. Auch Udo Jürgens. Also, ich singe. Und vielleicht kann ich mit Lokalmatador Uwe Brandt noch Öcher Liedgut darbieten.

Wann wird Grenzlandtheater-Intendant Uwe Brandt denn Ihr erstes Theaterstück zeigen?

Kürthy: Keine Ahnung! Das werde ich backstage, während ich mich in eine Blondine verwandle, mal ganz ernsthaft ansprechen.

„Liebeslügen oder Treue ist auch keine Lösung“ heißt Ihr Dreifrauenstück, das am 17. März im Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg uraufgeführt wird. Hört sich nach Beziehungskomödie an.

Kürthy: Es ist eine bitterböse Mischung aus Komödie und Tragödie mit drei Freundinnen, die sich über Liebe und Treue, Wahrheit und Lüge austauschen.

Und einen neuen Roman haben Sie auch schon in der Mache?

Kürthy: Ne! Das ist ein bisschen so, wie wenn eine Frau gerade ein Kind gekriegt hat, und Sie würden Sie noch im Kreißsaal fragen: Wann bekommen Sie denn das nächste? Die würde Ihnen eine scheuern! (lacht)

Na, gut dass wir nur miteinander telefonieren. Danke, Frau von Kürthy!