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Eupen: ikob Museum Eupen präsentiert Jerry Frantz und Sali Muller

Eupen : ikob Museum Eupen präsentiert Jerry Frantz und Sali Muller

Da sitzt der Mann auf einem Stuhl und poliert sich stundenlang die Finger wund, bis das Metall so weit glänzt, dass man sich darin spiegeln kann: Hülsen von Granaten aus dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg.

Währenddessen liegt ein dreieinhalb Meter langer Abguss des luxemburgischen Nationalsymbols, der flügellosen Kriegsgöttin „Goldene Frau“, in einem Sarg, hilf- und sinnlos den Siegeskranz ein letztes Mal ins Leere reckend. Und nebenan steht eine originale amerikanische Kurzstrecken-Luft-Luft-Rakete des Typs AIM-9 Sidewinder stramm — unfassbare 380.000 Euro kostet das Teil neu, nur um sich und anderes zu zerstören. Dabei sieht es so banal aus wie ein simples Stück Rohr — hier allerdings mit einer goldenen Spitze versehen, um das Fetischhafte im Umgang mit derlei Waffen sichtbar zu machen.

Zum Start eine Performance

Symbole des Nationalismus und Patriotismus mit ihrem gefährlichen Potenzial des Geistes, der dahinter steht — sie entlarvt der luxemburgische Künstler Jerry Frantz in ihrer ganzen Fragwürdigkeit und Absurdität. Seine Installationen sind Teil der neuen Ausstellung im Eupener ikob Museum für zeitgenössische Kunst, die am Sonntagnachmittag mit einer Performance von Jerry Frantz eröffnet wird: Er poliert Munitionshülsen aus dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg.

Die Schau setzt das ikob-Jahresthema „Ressentiments“ fort, das ikob-Leiter Frank-Thorsten Moll programmatisch vorgegeben hat. Diesmal geht es vor allem um die Frage, wie man sich seiner eigenen Ressentiments durch Erkenntnisgewinnung entledigen kann. Jerry Frantz entfernt in einem mühsamen Prozess die Patina von den Hülsen — symbolisch die Reflexion und das Nachdenken über den Umgang mit der Geschichte.

Der Spiegel als Symbol der (Selbst)-Erkenntnis, des Verstandes, der Klarheit und der Wahrheit — hier trifft sich Frantz mit seiner luxemburgischen Kollegin Sali Muller, deren Werke im Dialog zu seinen Installationen in dieser Doppelausstellung stehen. Die Künstlerin verteilt Spiegel im Raum, die nicht mehr funktionieren, weil sie blind sind — zerkratzt, beschmiert, abgeschliffen. Das Selbstbild erscheint in der Spiegelung fragmentiert, nebelhaft — Nachdenken, Erinnerungen und geschärfte Wahrnehmung müssen die Lücke füllen. Schmale Spiegel sind an derart unmöglichen Stellen in Ecken angebracht, dass man sich sehr unbequem positionieren muss, um einen Blick hinein werfen zu können. „Stellung beziehen“ nennt man das wohl.

In beleuchteten Vitrinen präsentiert Jerry Frantz 14 golden polierte Granathülsen wie kostbare Reliquien in einer abgedunkelten Schatzkammer: mögliches Heiligtum fanatischer Nationalisten oder — auch gut vorstellbar — der amerikanischen Waffenlobby.

Emotionaler Höhepunkt der Ausstellung ist die Werkstatt eines bombenbauenden Terroristen: in einem Zimmer mit der Einrichtung eines Spießers — es könnte der Nachbar sein: die Regulator an der Wand, ein altdeutscher Buffetschrank gegenüber einem Regal mit Sprengstoff und Bomben, Zünderutensilien und Werkzeug auf dem Tisch. Es duftet nach Marzipan — danach soll auch TNT riechen.

Was mag diesen Menschen bewegen? Der Blick in den Spiegel offenbart bei der Frage nichts Gutes, denn der hintergründiger Appell des Künstlers, sich um Verstehen zu bemühen, bringt Ahnungen hervor, was Terrorismus produziert. Frank-Thorsten Moll: „Sind es nicht Ausbeutung, Unterwerfung, Kolonialismus?“

Ursprünglich angedacht wurde die sehenswerte Ausstellung von der Amsterdamer Kuratorin Maria Rus Bojan, die aber mit ihrem komplizierten Konzept gescheitert war. Moll hat die Schau dann für das ikob übernommen und ausgearbeitet. Der Titel „Museum of Vanities“ stülpt der Ausstellung immer noch mit den Themen „Vergänglichkeit“ und „Eitelkeit“, die im Begriff Vanity mitschwingen sollen, einen viel zu komplizierten und schlichtweg überflüssigen Rahmen über.