1. Kultur

Aachen: „Ich hätte nie einen guten Rechtsanwalt abgegeben”

Aachen : „Ich hätte nie einen guten Rechtsanwalt abgegeben”

Auf eine bemerkenswerte Karriere blickt Iris Berben schon jetzt zurück - von der Ulknudel der Fernsehcomedy „Sketchup” bis zur Charakterdarstellerin. Die Wahl-Berlinerin gilt als eine der populärsten Schauspielerinnen Deutschlands.

Ab Weihnachten ist sie im Kino als Baronin in den Buddenbrooks zu sehen. Komplimente erhält die 57-Jährige aber nicht nur wegen ihres fabelhaften Aussehens, sondern aufgrund ihres jahrzehntelangen Engagements gegen Antisemitismus. Am Wochenende war ihre Arbeit gegen das Vergessen und für deutsch-israelische Aussöhnung in Aachen mit der Euriade-Nadel in Gold ausgezeichnet worden.

Was kennzeichnet eine Frau mit Stil?
Berben: Zunächst mal geht es darum, einen eigenen Stil zu entwickeln. Sich zu suchen, sich zu finden mit dem, was einen ausmacht.

Viele sehen Sie noch vor Claudia Schiffer als die stilsicherste Frau Deutschlands, zumindest die Leser der Zeitschrift „Vanity Fair”, die Sie gerade bei einer Umfrage als Stilikone gekrönt haben. Belächeln Sie sowas?
Berben: Ach, wissen Sie: Mal ist die eine dran, mal die andere. Das sind alles kleine bunte Wundertüten. Ich finde es schön, dass man wahrgenommen wird: nicht nur mit seiner Kleidung, sondern als Person. Mit seiner Haltung, mit seinem Auftreten. Mit allem, wofür man steht.

Ihre Persönlichkeit entwickelte sich schon früh auf verschiedenen Ebenen. 1968 absolvierten Sie Ihren ersten Fernsehauftritt beim NDR und unternahmen nach dem Sechs-Tage-Krieg Ihre erste Reise nach Israel.
Berben: Israel hat mich geprägt, weil ich dort meinen Geschichtsunterricht vor Ort erhalten habe. Meine Generation hat in der Schule beim Geschichtsunterricht zum Dritten Reich statt Aufarbeitung eher Sprachlosigkeit erleben müssen. Ich war zu der Zeit im Internat. Fernsehen war tabu, man durfte in der Oberstufe gerade mal die Nachrichten sehen. Und die haben bei mir Fragen ausgelöst. Also musste ich da hin.

Da waren Sie gerade volljährig.
Berben: Richtig. Wir sind mit einigen Freunden runtergefahren und wollten drei Wochen in Israel bleiben. Es wurden drei Monate. Als ich dort bei einer Holocaust-Überlebenden die eintätowierte Auschwitz-Nummer mit eigenen Augen gesehen habe, begann in mir etwas zu wachsen. Das hat sich immer weiter entwickelt. Ich habe über 30 Jahre mit einem Israeli zusammengelebt und mich auch dadurch immer tiefer in die deutsch-israelische Geschichte hineingekniet.

Und gleichzeitig begann auf einer ganz anderen Ebene die Fernsehkarriere.
Berben: Ja. Erst Film, dann Fernsehen. Nachdem ich die ersten Fernsehrollen absolviert hatte, wollte man mich eigentlich beim Film zunächst nicht mehr. Damals gab es ja noch eine strikte Trennung zwischen Film und Fernsehen. Heute ist es völlig anders. Man nutzt die Popularität erfolgreicher Fernsehschauspieler, um die Kinos zu füllen. Jedenfalls habe ich damals die ersten Schritte in diesem Beruf gar nicht so ernst genommen und wollte erst mal Jura studieren.

Ohne Abitur? Sie waren doch vorher aus dem Internat rausgeschmissen worden.
Berben: Naja, ich hatte den Rausschmiss als eine Art Auszeit verstanden und wollte eigentlich mein Abitur nachmachen - und dann studieren. Ich habe mich früher immer als Anwältin gesehen. Als jemanden, der mit Sprache etwas erreicht. Und so ist es dann ja auch irgendwie gekommen. Menschen, die mich sehr gut kennen, sagen mir, ich hätte dennoch niemals einen guten Rechtsanwalt abgegeben, weil ich viel zu emotional bin. Ich fange immer erst auf der emotionalen Ebene an und versuche dann, zum Kopf hochzuarbeiten.

Haben Sie das Temperament in Südeuropa gesammelt? Nach Detmold, Hamburg, Israel, London und anderen Stationen haben Sie viel Zeit in Portugal verbracht.
Berben: Ja, meine Mutter lebt dort heute noch. Als Schülerin habe ich in Portugal in den 60er Jahren viel Zeit verbracht, vor allem sämtliche Ferien. So viel Zeit im Ausland zu verbringen, war damals natürlich nicht die Regel - und schon gar nicht so einfach wie heute. Das hat mich damals sehr geprägt. Meine Eltern sind mit mir immer viel gereist.

Die Familie spielt demnach für Sie eine große Rolle. Das Jahr 1971, als Ihr Sohn Oliver geboren wurde, haben Sie immer als das bedeutsamste Ihres Lebens beschrieben. Stammt die Faszination für Film- und Fernsehrollen in großen Familiengeschichten daher?
Berben: Sie meinen den Film über die Buddenbrooks, der am 25. Dezember ins Kino kommt?

Eine ziemlich elegante Überleitung, oder?
Berben: (lacht) Allerdings. Und jetzt spiele ich auch noch in der Filmbiographie der Essener Großindustriellenfamilie Krupps.

Sehen Sie.
Berben: Zufälle sind das sicher nicht. Aber im Ernst: Danach sucht man ja keine Rollen aus. Es hat etwas mit dem Alter zu tun, wann man für diese großen Familiengeschichten in Frage kommt. Man ist bestimmt familiär geprägt. Bewusst oder unterbewusst. Ich scheine da schon ein gewisses Faible zu haben. Wenn ich gegen das Vergessen arbeite und mich für deutsch-israelische Belange engagiere, haben diese auch meist ihren Ursprung in ganz konkreten privaten Familienschicksalen. Ich denke, die Identifikation darüber ist leichter.

Ganz grundsätzlich: Wenn ich an Familien denke, hat das viel mit langen Tischen zu tun. Lange Tische, an denen die ganze Familie sitzt und miteinander redet. Kommunikation ist der Schlüssel schlechthin.

Vermissen Sie das enge familiäre Gefüge in der Gegenwart Deutschlands?
Berben: Deswegen beschreibe ich auch die langen Tische als eine Art Sehnsucht. Aber man kann die Zeit nicht festhalten. Ich bin so froh, dass ich in unterschiedlichen Zeiten gelebt habe. Ich habe ganz unterschiedliche Entwicklungen durchgemacht. Das wird hoffentlich jeder sagen, der dann auf die 60 zugeht. Ich denke manchmal, die jungen Leute haben heute viel weniger Möglichkeiten, ihren Weg zu finden.

Die Spielwiese ist kleiner geworden. Wir konnten damals noch viel ausprobieren. Heute muss man direkt funktionieren. Vielleicht funktionieren deswegen auch die Großfamilien nicht mehr so wie früher. Heute will jeder individuell sein. Es scheint uns doch fast normal, wenn Frauen alleinerziehend leben. Die Single-Gesellschaft breitet sich immer weiter aus. Und warum dies alles? Weil viele schon zu früh, nämlich sobald´s etwas schwerer wird, aufgeben.

Stellen Sie nachlassendes Engagement der Jugend fest?
Berben: Nicht generell. Die Jugend findet nur andere Zugänge zu gesellschaftlichem Engagement - etwa über Umweltthemen. Ich habe mir vor einigen Jahren mal eine Auszeit genommen, da habe ich viele Lesungen in Schulen gehalten. Ich brauchte das damals, als ich 50 wurde. Das war ungeheuer spannend. Wenn man´s clever anstellt, kann man die Jugend wunderbar begeistern. Die höchste Errungenschaft unserer Demokratie ist, dass wir uns alle einbringen können.

Ihre Popularität bringen Sie ein, um gegen das Vergessen zu arbeiten. Vor einigen Jahren erhielten Sie in Aachen eine Auszeichnung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Gerade wurden Sie hier mit der Euriade-Nadel in Gold geehrt. Aber Sie erfahren auch viel internationale Anerkennung.
Berben: Sogar bis auf das Titelbild des Time-Magazins. Aufmerksamkeit erregen ist ein legitimes Mittel, um wichtige Anliegen zu platzieren. Das ist doch schön, oder?

Wie 1978.
Berben: (lacht) Als ich auf dem Titel des Playboys war, meinen Sie. Klar, auch das war in Ordnung. Auch das ist ein Teil von mir. Aber es war eben eine ganz andere Zeit.

Und worauf dürfen sich Leser und Zuschauer jetzt freuen?
Berben: Am 3. Dezember wird die Simmel-Verfilmung „Gott schützt die Liebenden” gesendet. Im Frühjahr kommen dann die nächsten Rosa-Roth-Krimis. Dann noch ein politischer Kinofilm...

Ihr Slogan gilt also nach wie vor: Älter...
Berben: ... werd´ ich später.