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Köln: Ibsen im Altenheim: „Peer Gynt” in Köln als Pflegefall

Köln : Ibsen im Altenheim: „Peer Gynt” in Köln als Pflegefall

Das Kölner Schauspiel ist wieder da! Mit der neuen Intendantin nimmt das zuletzt ins Abseits geratene Haus Fahrt auf in Richtung erste Liga.

Nach umjubelten Regie-Arbeiten zu Beginn („Die Nibelungen”, „Das goldene Vlies”) regt Karin Beier in der zweiten Saison mit ihrer Inszenierung von Ibsens „Peer Gynt” nun zumindest zu Diskussionen an.

Röcheln, husten, sabbern - die sieben Tattergreise auf der pressspanbraunen Bühne haben ihre besten Jahre bereits hinter sich. Zwischen Rollator und Rollstuhl, Pillendose und Gummibaum vegetieren sie müde dahin.

Peer Gynt (Beiers Mann, Michael Wittenborn, mit norddeutschem Trockencharme) hängt halb gelähmt im Ohrensessel, aber muckt noch einmal auf: „Ich kann doch hier nicht sterben! Ein Alptraum.” So startet die Ich-Suche und Welter- oberungstour des Helden in Köln am Ende seines Lebens, im Altersheim.

Mit seinen Geschichten versucht Peer, der Trostlosigkeit seines Daseins zu entfliehen - und die Leidensgenossen spielen mit. Die Schwester legt als Solveig und Anitra ihren weißen Kittel ab, aber tritt auch an die Rampe, um ihre ernüchternden Erfahrungen als „Arschwischer” von „verkalkten, verkrebsten” Patienten loszuwerden. Diese Pflegenotstands-Anklage wäre wohl in einem der derzeit boomenden Dokumentarformate besser aufgehoben.

„Keine Abiturstücke und Liederabende”, lautet die mutige Parole der Intendantin. Doch nun macht sie selbst aus dem Ibsen-Klassiker eine dreistündige Revue mit Kalauern, Karikaturen und aktuellen Anspielungen, mit Schlager-, Gospel-, Country-, Rockmusik und fünf trommelnden Klangkünstlern im Hintergrund.

Zwischen Jubel und Skepsis schwanken die Kritiker: Die Regisseurin „lässt sich zu weit von ihrer Konzeption einschnüren”, meint die „FAZ”. „Gelassen und gewitzt, verschroben und grotesk, wie es Spielfreude entwickelt, kann das Ensemble den Aufwärtstrend des Kölner Schauspiels bestätigen”, doch die Inszenierung „legt Ibsens Parabel auch so weit flach, dass ihre Poesie verblasst”. Die „Frankfurter Rundschau” wirft Beier vor, manche Ideen von großen Regievorbildern, etwa dem Meister der Langsamkeit, Christoph Marthaler, „geklaut” zu haben.

Uneingeschränkte Begeisterung zeigt dagegen die „Süddeutsche Zeitung”: Ein „Theaterglücksfall” mit „fabelhaften” Schauspielern, „auch musikalisch ein Ereignis”. „Seit Marthaler hat wohl keiner so ergreifend und komisch zart vom Alter und vom Stillstand der Zeit erzählt wie Karin Beier.”