Aachen: Hymne und Anklage: „Agonie und Ekstase des Steve Jobs“ im Mörgens

Aachen: Hymne und Anklage: „Agonie und Ekstase des Steve Jobs“ im Mörgens

Schon früh war der Apfel ein Objekt der Begierde und zerstörte eine Beziehung. Und man liegt gar nicht so falsch mit dem biblischen Bezug, wenn es um die Produkte des Unternehmens Apple geht. Quasi religiös werden Entscheidungen für oder gegen Mac-Rechner oder das iPhone begutachtet.

So führte uns die Mörgens-Premiere von „Agonie und Ekstase des Steve Jobs“ des Autors Mike Daisey in einer grandiosen One-Man-Show von Markus Weickert von einer sakral-weißen, reinen Kathedrale der Technik zu den (blut-)roten Produktions-Hallen von Apple-Zulieferer Foxconn in Shenzhen, in denen Tausende Arbeiter in gespenstisch stiller Atmosphäre all die elektronischen Spielzeuge zusammenbauen.

„Agonie und Ekstase“ bereiten einen so unterhaltsamen Theaterabend, dass man sich den Ursprung als erzählte und gespielte Reportage erst klar machen muss. Als dem amerikanischen Autor und Schauspieler Daisey 2012 eine unsaubere journalistische Arbeitsweise bei seinem fiktiven Stück vorgeworfen wurde, gab er im Gegenangriff den Text für die Allgemeinheit frei. Das Theater Aachen ergriff die Gelegenheit, Dramaturg Harald Wolff übersetzte, Jens Dierkes mit seinem großen Talent für kabarettistische Momente (als „Gräfin Tamara“) führte Regie. Eine exzellente Wahl, denn selten machte es so viel Spaß, schlechtes Gewissen und kritisches Denken zwischen sich und sein Smartphone gejubelt zu bekommen.

Tatsächlich: Die Begeisterung über perfektes Industriedesign, optimale Benutzerfreundlichkeit und technische Innovationen bei Apple, über die Entwicklung Steve Jobse_SSRq vom genialischen Technik-Hippie zum diktatorischen Guru ist trotz ironischer Selbstkritik immer noch jubelnde Hymne. Den Computer-Freak Mike Daisey, dessen Herz per Video-Trick als Apfel schlägt, verkörpert Weickert genial. Mit witzig verfilztem Haarpilz, sportlichem Anzug und Shirt springt er das Publikum im von Esther van de Pas gestalteten, Bauhaus-klaren Kreuzgang geradezu ekstatisch an. Die Zuschauer sitzen in vier Blöcken, zwischen denen Weickert auf einem weißen Wegekreuz herumtigert und fabuliert.

Ein dichter, kluger Spaß — bis zu dem „Moment, wo du anfängst nachzudenken“. Denn das „ist immer ein Problem bei jeder Religion“. Die kenntnisreiche, selbstkritische Satire des digitalen Nerds läuft nach hartem Bruch fortan parallel zur Agonie — zur teilweise erschütternden Anklage der unmenschlichen Produktionsverhältnisse in China.

Dass es 50 Prozent unseres Elektromülls sind, die beim Elektronik-Giganten Foxconn hergestellt werden, dass es die klügsten Köpfe Chinas sind, die dort bis zum Selbstmord ausgebeutet werden, sind schaurige Details, die man durch raffinierte Inszenierungs-Ideen erfährt. Etwa wenn Weickert von den Verätzungen und Hirnschäden durch den Display-Reiniger Hexan erzählt und dabei nur seine Hand hinter einem Display, der großen Leinwand, sichtbar ist, das in anderen Momenten auch die von ihm gespielten, schrillen Jobs-Parodien zeigt.

In den letzten Minuten bohrt sich der moralische Appell als Wurm in den edel designten Apfel. Das geht tatsächlich so ans Innerste, an das Smartphone in Hosen- oder Handtasche, dass man sich nach langen Ovationen nicht so recht traut, es wieder anzuschalten. Ein gelungener Abend, der zu angeregten Diskussionen und vielleicht zur Beziehungskrise mit dem Handy führt.

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