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Locarno: Humor ist Trumpf beim Locarno Festival

Locarno : Humor ist Trumpf beim Locarno Festival

Das 71. Locarno Festival — von heute bis zum 11. August — steht unter besonderer Beobachtung, seit vor einigen Wochen bekannt wurde, dass sein italienischer Festivalleiter, der ehemalige Filmkritiker Carlo Chatrian, 2020 die Filmfestspiele Berlins übernehmen wird.

Sein vorerst letztes Programm im Tessin zeigt ab heute Abend viel leichte Unterhaltung für Tausende Zuschauer auf der Piazza Grande, dem Filmsaal unter freiem Himmel. Die Cineasten am Lago Maggiore werden tagsüber in mehreren Wettbewerben die Kandidaten für die Goldenen Leoparden begutachten.

Der eifrig Deutsch lernende Carlo Chatrian verspricht für die atmosphärisch unvergleichliche Piazza mit ihrer Riesen-Leinwand „leichtere“ Filme und hat als letzten Beitrag unter seiner Intendanz hoffnungsvoll die Komödie „I Feel Good“ von Benoît Delepine ins Programm gehievt.

Zum „Gut Fühlen“ passt auch die diesjährige Retrospektive mit Filmen von Leo MacCarey, bekanntgeworden als Schöpfer der humoristischen Filmpioniere „Laurel and Hardy“ — im deutschen Sprachraum fatalerweise bekannt als „Dick und Doof“. Der französische Eröffnungsfilm „Les Beaux Esprits“ (Team Spirit) von Vianney Lebasque über ein französisches Basketballteam von Menschen mit geistiger Behinderung, das mangels ausreichender Spieleranzahl mit zwei „gesunden“ Arbeitslosen aufgefüllt wird.

Außer dem schon bald in den Kino startenden „Equalizer 2“ mit Denzel Washington und „Blackkklansman“ von Spike Lee gibt es im Mix aus Populären für den französischen, italienischen und deutschen Markt nicht viel, auf das ein deutsches Mainstream-Durchlauferhitzer-Kino wartet. Eventuell wäre da noch die Rückkehr der Regisseurin Sandra Nettelbeck ins beeindruckende Freilichtkino mit seinen 8000 Sitzplätzen, wo sie 2001 für die Romanze „Bella Martha“ den Publikumspreis erhielt. 2018 zeigt sie „Was uns nicht umbringt“ und erzählt darin „mit melancholischer Heiterkeit von Sinnkrisen und Herzensangelegenheiten in der Mitte des Lebens“.

16 Filme mit deutscher Beteiligung

Regisseur Jan Bonny („Gegenüber“) geht mit seinem zweiten Langfilm „Wintermärchen“ im internationalen Wettbewerb ins Rennen um den Goldenen Leoparden. Er erzählt die Geschichte von Becky, Tommi und Maik, einer dreiköpfigen rechten Terrorzelle, die im Untergrund lebt und von landesweiter Aufmerksamkeit träumt. Insgesamt stehen 16 deutsche Filme und Koproduktionen auf dem Programm.

Wegen der Hitze muss in diesem gefühlten Jahrhundert-Sommer niemand über die Alpen zu ziehen. Höchstens wegen der Wärme, mit der junge Filmemacher und aufkommende Filmregionen traditionell in Locarno empfangen werden. Hier macht das Festival seit Jahrzehnten aus der Not eine Tugend: Die ganz großen Namen sind für Uraufführungen für Cannes, Venedig und Berlin reserviert. Der Rest ist nicht unbedingt schlechter, aber weniger schillernd — noch.

Das Sommer-Festival erwies sich in der Vergangenheit nicht nur für die Filme als gutes Pflaster und als hervorragende Brutstätte für Talente. Auch Festivalleiter nutzten die große Bühne der Piazza Grande. Moritz de Hadeln leitete das Locarno Festival von 1972 bis 1977, zwei Jahre darauf startete er in Berlin und führte das dortige Festival an den Potsdamer Platz und ins nächste Jahrhundert. Marco Müller war von 1992 bis 2000 Direktor des Filmfestivals Locarno, leitete danach für zwei Jahre die Geschicke in Venedig sowie beim neuen Festival von Rom.

Bei aller Leichtigkeit im Abendprogramm bleibt die politische Botschaft von Spike Lees „Blackkklansman“ symptomatisch für viele andere Filme und kleine Sektionen des engagierten Schweizer Festivals. Chatrian zeigt diesen Film aus Anlass des 70. Geburtstags der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: „Das ist für mich ein ziviles Zeichen, mehr noch als ein politisches Zeichen,“ sagte er der Luzerner Zeitung. Dem Event-Charakter mit allabendlichen Ehrungen und prominentem Schaulaufen scheint die Änderung des Namens von „Locarno Filmfestival“ zu „Locarno Festival“ geschuldet. Dass die Filmkunst trotzdem nicht zu kurz kommt, beweist im Wettbewerb der argentinische Beitrag „La Flor“ von Mariano Llinás, der fast 14 Stunden dauert.