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Aachen: Hugo Dyserinck: Er lebt, lehrt und spricht als Kosmopolit

Aachen : Hugo Dyserinck: Er lebt, lehrt und spricht als Kosmopolit

Eine der markantesten Persönlichkeiten in der noch relativ kurzen Geschichte der Philosophischen Fakultät der RWTH Aachen feiert am Sonntag einen runden Geburtstag. Der Literaturwissenschaftler Hugo Dyserinck, langjähriger Professor für Komparatistik an der RWTH, vollendet sein 80. Lebensjahr.

Weit über die Sphären der Universität hinaus bekannt wurde Dyserinck jedoch erst nach seiner Emeritierung. Als 1995 die Öffentlichkeit mit Entsetzen von der falschen Identität des ehemaligen Aachener Germanisten und zeitweiligen RWTH-Rektors Hans Schwerte erfuhr, der unter seinem richtigen Namen Hans-Ernst Schneider im „Dritten Reich” der SS-Organisation „Ahnenerbe” angehört hatte, geriet Dyserinck in den Ruf, ein „Nestbeschmutzer” und Intrigant zu sein.

Streit mit der TH

Er habe mit seinem angeblichen Wissen über Schwertes/Schneiders falsche Identität die Philosophische Fakultät der RWTH Aachen erpressen wollen, um den von ihm favorisierten Nachfolger auf die Aachener Komparatistik-Professur durchzusetzen. Dyserinck klagte erfolgreich gegen die Beschuldigungen.

Kurz nach dem für die RWTH alles andere als schmeichelhaften Urteil wurde das Fach Komparatistik in Aachen aufgelöst. Über die Geschicke der Komparatistik in Aachen hat Dyserinck ein ausführliches Memorandum verfasst, in dem er auch auf den „Fall Schwerte/Schneider” eingeht. Der umfangreiche Text, der für viel Wirbel sorgen dürfte, soll noch in diesem Herbst veröffentlicht werden.

Hugo Dyserinck wurde am 5. August 1927 im belgischen Brügge geboren. Er studierte in Marburg Romanistik, Germanistik und Philosophie. Bereits während des Studiums arbeitete der zweisprachig (Niederländisch, Französisch) erzogene Dyserinck als Lektor für Französisch. 1949 promovierte er in Marburg mit einer Arbeit über „Das ideologische und ästhetische Gedankengut des Surrealismus”.

Ab 1952 war Dyserinck Lektor für Französisch an der Universität Erlangen, wo er sich auch mit einer großen Studie über die französisch schreibenden Flamen der Generation von 1880 zum Privatdozenten habilitierte. 1962 bis 1966 lehrte er an der niederländischen Universität Groningen.

Seit 1967 bis zu seiner Emeritierung 1992 leitete Dyserinck schließlich als alleiniger Fachvertreter das „Lehr- und Forschungsgebiet Komparatistik” an der Philosophischen Fakultät der RWTH.

In Aachen hat er ganzen Generationen von Studenten mit seinen Vorlesungen und Seminaren das Denken in nationalen Kategorien ausgetrieben. Getreu seiner Maxime, „dass Völker, Nationen und erst recht Staaten letztlich bloß im Augenblick der Geschichte vorübergehend verwirklichte Denkmodelle sind”.

Sein Spezialgebiet ist die so genannte „komparatistische Imagologie”, das heißt die von einem supranationalen, kulturneutralen Standpunkt ausgehende literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit Nationalvorstellungen und ethnischen Stereotypen (images) in der Literatur und der Literaturkritik. Dyserinck gilt international als wichtigster Vertreter dieses Forschungszweigs der Komparatistik.

Noch immer aktiv

Weitere Schwerpunkte von Dyserincks Lehr-, Forschungs- und Publikationstätigkeit waren unter anderem die deutsch-englisch-französischen Literatur- und Geistesbeziehungen, die Geschichte der Komparatistik, kulturwissenschaftliche Europastudien sowie die Literaturen und Sprachen des Benelux-Raumes.

Mit nunmehr 80 Jahren ist der polyglotte Jubilar, der mehrere europäische Sprachen fließend spricht und schreibt, noch immer wissenschaftlich aktiv. Er veröffentlicht regelmäßig Aufsätze und ist ein gefragter Redner bei literaturwissenschaftlichen Kongressen in aller Welt.

Auch an seinem 80. Geburtstag wird Dyserinck nicht im heimischen Lanaken (Belgien) sein. Er ist in Südamerika, wo er Vorträge auf dem Kongress der Internationalen Komparatisten-Vereingung in Rio de Janeiro und auf einem Kongress der argentinischen Komparatisten hält.