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Kelmis: Hosianna, ruft das Volk beim Einzug

Kelmis : Hosianna, ruft das Volk beim Einzug

Die Passionsspiele in Oberammergau kennt jeder. Aber Passionsspiele in Kelmis? Seit 1936 organisieren Aktive der Pfarre St. Mariä Himmelfahrt in der belgischen Grenzgemeinde mit knapp 180 Leuten vor und hinter der Bühne alle sieben Jahre diese außergewöhnlichen Festspiele. Ein Kraftakt. Aber einer, der Spaß macht.

„Heute siehst du sogar noch besser aus als vor acht Jahren”, scherzt Iwan Jungbluth mit einer Dame. Er ist gerade dabei, den Schaukasten vor dem Kelmiser Festsaal „Patronage” mit Fotos der letzten Passionsspiele aus dem Jahr 2000 zu bestücken.

Besagte Dame war schon damals auf der Bühne, wie rund 50 weitere Darsteller und 60 Männer, Frauen und Kinder, die das Volk mimen. 40 Sängerinnen und Sänger des Passio-Christi-Chors sorgen mit frommen Liedern für die richtige Einstellung der Zuschauer und überbrücken zudem die Pausen der rund dreieinhalbstündigen Aufführung.

Jungbluth, Gendarm im Ruhestand, tritt allerdings bei den jetzigen Passionsspielen nicht auf, er ist für die Presse zuständig und macht die Szenenfotos. „In Kelmis ist alles auf Trab”, sagt er. Auch aus der näheren Umgebung der belgischen Grenzgemeinde beteiligen sich die Menschen am frommen Spiel.

Der alte Schächer

Am Donnerstagabend sind alle Akteure, Komparsen, Bühnenarbeiter, Beleuchter und Musiker da. Die erste von zwei Generalproben ist angesetzt. Hubert Hilligsmann ist die Ruhe selbst. Der Speditionskaufmann führt erstmals bei den Passionsspielen Regie und zeichnet ist auch noch für die musikalische Leitung verantwortlich. „Vor 50 Jahren stand ich zum ersten Mal bei den Passionsspielen in der Patronage auf der Bühne.” Ein wenig Stolz schwingt in seiner Stimme mit, wenn er dieses Jubiläum erwähnt.

„Eigentlich haben wir ja einen siebenjährigen Rhythmus. Aber in diesem Jahr wird unsere Pfarre St. Mariä Himmelfahrt 150 Jahre alt, da haben wir kurzerhand die Spiele um ein Jahr verschoben.” Wie gesagt, er ist die Ruhe selbst, „das Lampenfieber kommt aber mit Sicherheit, spätestens am Samstag vor der ersten Aufführung”, ist er überzeugt. Aber hat ja Erfahrung, vor 50 Jahren mimte er auf der Bühne „Volk”, neben der Regiearbeit am der Passion leitet er eine Laienschauspielertruppe.

Einer allerdings hat wesentlich mehr Jahre auf auf dem Buckel. Gerhard Emonts war schon dabei, als erstmals die Kelmiser Passionsspiele zum silbernen Jubiläum des Prachtsaals „Patronage” über die Bretter gingen. Damals, 1936, war er auch einer aus dem Volk, danach in mehreren Aufführungen einer der Schächer, die neben Jesu am Kreuze hingen. „Ich war aber immer der Gute”, erklärt Emonts seine damalige Rolle als der reuige heilige Dismas. Dieses Jahr gibt der 88-Jährige den Simon von Bethanien.

„Puh, anstrengend.” Ein Israelit setzt sich in die Zuschauerreihe. Er braucht ein Päuschen und guckt gespannt zu, was sich auf der Bühne tut. Zwei Jungen tun es ihm gleich. Ein vielleicht zehnjähriges Mädchen eilt aus dem Saal. An der Theke kauft es eine Tüte Erdnüsse. „Die gab es aber vor 2000 Jahren noch nicht”, kommentiert vorwitzig ein Thekengast und nimmt einen kräftigen Schluck Bier. Das Mädchen beachtet ihn gar nicht, es muss zurück auf die Bühne, schließlich hält Jesus in Jerusalem Einzug. „Hosianna”, ruft das Volk.

Ja, genau so

Die Schauspieler auf der Bühne sind in ihrem Element. Mit Inbrunst und Ernst sind sie bei der Sache. Alles, was sie seit September zunächst ein-, zweimal die Woche gelernt haben, seit Januar probten sie beinahe täglich, zeigen sie bei dieser Generalprobe.

Das Spiel reißt auch den Beobachter mit, bei manchen Szenen, die er seit seiner Kindheit aus dem Religions- und Kommunionsunterricht kennt, läuft es ihm heiß und kalt über den Rücken. Ja, so hat er sich die Passion in seiner Kindheit vorgestellt. Ergreifend, klar, geradlinig, leicht zu verstehen und dennoch anspruchsvoll.

Hubert Hilligsmann: „Wir bemühen uns, die Spannung zu halten. Da sind alle mit Feuereifer dabei.” Und nicht nur die Schauspieler und Sänger, auch die rund 20 Menschen, die hinter den Kulissen für einen reibungslosen Ablauf sorgen und auch die vier Frauen, die mit Hingabe die Gewänder nach den Aufführungen waschen.