Aachen: Holocaust-Überlebender: Louis Begley liest in Aachen

Aachen: Holocaust-Überlebender: Louis Begley liest in Aachen

„Es bewunderte die Aeneis. In ihr fand er zum ersten Mal literarisch ausgedrückt, was ihn am meisten quälte: die Scham am Leben geblieben, mit heiler Haut, ohne Tätowierung davongekommen zu sein, während seine Verwandten und fast alle anderen im Feuer umgekommen waren, unter ihnen so viele, die das Überleben eher verdient hätten als gerade er.” Mit diesem Satz führt uns Louis Begley, der große, an Franz Kafka geschulte amerikanische Erzähler, in seinen ersten Roman „Lügen in Zeiten des Krieges” ein.

Ein Roman über den Holocaust, der auf einer Stufe mit den Werken von Primo Levi, Imre Kertész oder Ruth Klüger steht.

Es wäre aber falsch, das literarische Schaffen von Begley, der als Ludwig Beglejter am 6. Oktober 1933 in Stryj im damaligen Polen geboren wurde und mit seinen Eltern das Krakauer Ghetto überlebt hatte, bevor die Familie 1946 in die USA auswanderte, auf den Holocaust zu reduzieren.

Aber die Themen Schuld, Sühne, Gerechtigkeit bilden den festen Kern seines Werks. Was nicht verwunderlich ist angesichts seines biografischen Hintergrund und seiner langjährigen Arbeit als Jurist in der renommierten New Yorker Kanzlei Debevoise & Plimpton.

Wenn Begley nun im Rahmen der jüdischen Kulturtage nach Aachen kommt und aus seinem neuesten Buch liest, nähert er sich diesen Themen auf einem für ihn ungewöhnlichen Weg: „Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte”, so der sperrige deutsche Titel, ist ein Sachbuch.

Begley schildert darin minutiös den Fall des jüdischen Offiziers Alfred Dreyfus, der 1894 in Frankreich wegen Landesverrats für schuldig befunden und zu lebenslanger Verbannung auf der Teufelsinsel verurteilt wurde. Begley, ganz Anwalt, schildert die Intrigen, die Manipulationen, den Antisemitismus und Rassismus, die zu der Verurteilung führten, und er schlägt den Bogen zu den Geschehnissen im US-amerikanischen Gefangenenlager Guantánamo.

Gegner der Regierung Bush

Die Parallelen sind offensichtlich, findet Begley, der erklärte Gegner der Bush-Administation. Seine Position ist die eines Menschenrechtlers, sie ist für ihn nicht relativierbar: „Das ist meine tiefe Überzeugung, meine Moral: Es ist viel schlimmer und verwerflicher, wenn ein Unschuldiger Ungerechtigkeit erleidet, als wenn ein Schuldiger womöglich unbestraft bleibt.

Der Schaden für eine Gesellschaft, für unser Zusammenleben ist im ersten Fall weitaus größer als im zweiten”, hat er in einem Interview gesagt. So spricht ein Jurist, Schriftsteller und Holocaust-Überlebender: Louis Begley.

Die jüdischen Kulturtage: 23 Veranstaltungen in vier Wochen

23 Veranstaltungen innerhalb von vier Wochen: Die jüdischen Kulturtage in Aachen bieten vom 20. März bis zum 17. April eine breite Facette zeitgenössischer jüdisch-israelischer Kunst und Kultur.

Neun Lesungen (neben der mit Begley unter anderem mit Mirjam Pressler und Lea Fleischmann), acht Konzerte (unter anderem mit dem Ensemble Noisten und Nina Hoger, die Lyrik und Prosa von Else Lasker-Schüler interpretieren), vier Filmvorführungen, eine Ausstellung und ein Vortrag sind geplant.

Die Kulturtage stehen unter dem Motto „einblicke - jüdisches (er)leben”. Bei der ersten Auflage im Jahr 2007 besuchten über 2000 Menschen die Veranstaltungen. Jetzt sollen es mehr werden.

Die Lesung mit Louis Begley findet am Mittwoch, 30. März, ab 20 Uhr im Couven-Museum statt. Veranstalter sind neben der Stadt und der Volkshochschule die Buchhandlung Schmetz am Dom.