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Aachen: „Holland in Linien” aus der Klimakiste

Aachen : „Holland in Linien” aus der Klimakiste

Millimeter für Millimeter führt Ulrike Villwock eine spezielle Handlampe, die ihr Licht extrem gleichmäßig ausstrahlt, über die Glasscheiben der Bilder.

Kein noch so kleiner Knick, nicht die unscheinbarste Wölbung und auch nicht der winzigste Fleck entgeht dem geschulten Auge der erfahrenen Restauratorin am Aachener Suermondt-Ludwig-Museum.

Es sind unersetzliche Schätze, die sie da gewissenhaft prüft - soeben ausgepackt aus massiven Klimakisten, nachdem die Kostbarkeiten 24 Stunden unberührt darin ruhten, um sich buchstäblich an die Aachener Luft zu gewöhnen: rund 100 Meisterzeichnungen des Goldenen Zeitalters aus den Königlich-Belgischen Museen in Brüssel.

Erlauchte Partner

Ab kommenden Mittwoch stehen sie im Mittelpunkt einer neuen großen Ausstellung im Suermondt-Ludwig-Museum: „Holland in Linien” lautet fast schon poetisch der Titel der Schau. Die Partner sind dabei von beachtlichem Rang: Neben den Königlich-Belgischen Kunstmuseen gehört auch das Museum het Rembrandthuis in Amsterdam dazu. Aachen ist jetzt die dritte und letzte Station dieser internationalen Ausstellungstournee.

Ulrike Villwock ist an diesem Mittag nicht die einzige, die die eingetroffenen Schätze untersucht; Kollege Michael Rief öffnet vorsichtig die Kisten und bedeckt die geprüften Zeichnungen mit Papier, um sie zu schützen. Der für die Präsentation vorgeschriebene Lichthöchstwert von 50 Lux wird hier bei den Vorbereitungen zwangsläufig noch überschritten, erklärt Christine Vogt, die in Aachen mit „Holland in Linien” ihre letzte Ausstellung „abliefert”, ehe sie am 7. März in ihr neues Amt als Museumsdirektorin der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen startet.

Das Team vervollständigt der wichtigste Mann in der kleinen Runde: Stefaan Hautekeete. Als Leiter der grafischen Sammlung der Königlich-Belgischen Museen in Brüssel hat er seine papiernen Schützlinge auf der Reise begleitet. Jeden einzelnen kennt er genauestens. Bis jetzt hat er keine Beschädigung gefunden.

Alles wird penibel protokolliert. Jedem Bild liegt ein Zustandsbericht bei, der jeden bereits bestehenden, älteren Makel haarklein beschreibt. Drei Tage sind für die Prüfung der knapp hundert Blätter angesetzt. Nach dem Ende der Ausstellung wird die gleiche Prozedur wiederholt. „Das ist nötig, damit die Museen ihre Schätze überhaupt noch ausleihen”, erläutert Christine Vogt. „Alles Vertrauenssache.”

Die Zeichnungen sind Teil der Sammlung des Ritters Jean de Grez (1837-1910). In drei Generationen hat seine Familie mehr als 4000 Zeichnungen des 16., 17., 18. und 19. Jahrhunderts zusammengetragen. Erstmals in Deutschland wird nun eine Auswahl aus den Meisterwerken des 17. Jahrhunderts, des wirtschaftlich wie künstlerisch „Goldenen Zeitalters” der Niederlande gezeigt. Im Mittelpunkt stehen dabei Landschaften, umrahmt von Genrebildern, Porträts, Studien. Christine Vogt: „Das 17. Jahrhundert ist gerade die Zeit, in der sich erstmals ein Markt für Zeichnungen entwickelt.”

Zwei Rembrandt sind darunter: ein „Stehender Mann mit breitkrempigem Hut” und „Eine alte Frau gestützt von einem jungen Mädchen”, wahrscheinlich die biblischen Gestalten Ruth und Naomi.

Für die Schau hat sich das Suermondt-Team wieder etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Die Blätter werden nicht einfach an die Wand genagelt, sondern auf schrägen Pulten präsentiert, wo man sich per Lupe genüsslich jeder filigranen Einzelheit der Zeichnungen widmen kann. „Intensives Sehen” soll dem Betrachter garantiert werden. Dazu gehört sogar eine Art Bar mit Ablage für die Füße - wer mag, kann sich hier bis zum Umfallen abstützen und die Blätter studieren.

Und weil die Ausstellungshalle mit den unterteilten intimen Räumen bereits ziemlich angefüllt ist, findet die Eröffnung am Mittwoch, 5. März, um 19 Uhr nicht im Museum, sondern in St. Adalbert am Kaiserplatz statt. Mit anschließender Pilgerwanderung hinüber ins Museum...