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Aachen: Höchstniveau: Compagnie Wayne McGregor/Random Dance bei Schrittmacher

Aachen : Höchstniveau: Compagnie Wayne McGregor/Random Dance bei Schrittmacher

Das futuristische Plakatmotiv des Aachener Schrittmacher-Festivals kommt aus England: Mit der Compagnie Wayne McGregor/Random Dance erlebte das Publikum in der Fabrik Stahlbau Strang Modern Dance der Spitzenklasse.

Schon bevor der erste Tänzer auf der Bühne erscheint, wird es spannend. Theaternebel wabert, und jeder Besucher erhält eine 3D-Brille. „Atomos“ ist eine Choreographie McGregors, die 2013 Premiere hatte, ein Stück, das den Zuschauer mit großer Kraft in eine komplizierte Welt technologischer Strukturen und Geheimnisse zwingt.

Fünf Tänzerinnen und fünf Tänzer beweisen ein Höchstmaß an expressiver Virtuosität. Der Titel des Stücks ist Programm. Die sich in irritierenden Posen bewegenden, rastlosen Körper wirbeln als Elemente durch den Kosmos des Choreographen. Ihn treibt das Nachdenken über Schöpfung, Forschung und Zukunft an. Die Tanzenden verabschieden sich dabei von konventionellen Bewegungsmustern. So erscheinen sie als Teile eines riesigen neuronalen Netzes. Bindungs- und Abstoßungsreaktionen werden zu getanzte Chiffren in einem unendlichen Prozess der Entwicklung.

Dabei wechseln oft blitzschnell Positionen höchster Ästhetik mit skurrilen Zuckungen, abweisenden Gesten, Blockaden aus hochgereckten Armen und Händen oder Kopfbewegungen. Wo eine Verbindung in geometrischer Ordnung gelingt, mutiert sie im nächsten Moment. Selbst die Begegnungen der Paare erscheinen wie Versuchsanordnungen oder Labortests mit Stoffen, die sich mal miteinander verbinden, mal abstoßen. Da zucken die Körper zurück, sobald sie einander berühren, da wird aus kurzer Zweisamkeit ein neues Ringen von drei, vier, fünf Gestalten.

Mit einem wuchtigen Soundtrack treibt „Atomos“ die Nerven der Zuhörenden bis an die Grenzen. Das ist zwar ausdrucksstark, aber nicht nur die Ohren dröhnen, der gesamte Körper wird vom Lärm durchströmt, das tut nicht gut. Mit dem Einsatz von Monitoren und 3D-Effekten erinnert „Atomos“ an die Anfangszeiten des Festivals, das stets dem Einsatz unterschiedlicher technischer Medien Raum gibt. Schwebende Farbquadrate versetzen die Brillenträger im Zuschauerraum in die Sphären beweglicher Moleküle, die sich immer wieder in ihre Atome spalten.

Gedanke an die Schönheit

Es gibt düster-rote Industrieszenarien, vulkanisches Glühen, ein fluoreszierendes Insekt, das im Schwarm aus Artgenossen in einer kugeligen Urform verschmilzt. Bedrohlich und faszinierend zugleich schwirren kleine schwarze Elemente durch den Raum, die an eine Heuschreckenplage erinnern.

Endzeitstimmung kommt auf, die Bewegungen stocken. Gegen Ende dann ein Aufatmen: Im klaren Farbraum vor einem Muster aus den Abstufungen von Weiß bis Rosé finden die Paare der Compa-gnie zum großen Gestus. Nach dem Chaos kehrt mit dem Gedanke an die Schönheit in jeder Zellstruktur etwas Ruhe ein.

Viel Applaus für ein anspruchsvolles, grandios getanztes Stück.