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Duisburg: Hochbrisantes Spiel um Macht und Moral

Duisburg : Hochbrisantes Spiel um Macht und Moral

Vor über drei Jahrzehnten schilderte der italienische Regisseur Luchino Visconti in dem opulenten Filmepos „Die Verdammten” die Verstrickung einer machtbesessenen Ruhr-Industriellenfamilie in die Politik der Nazis.

Stoff lieferte ihm unübersehbar die Familiengeschichte der Krupps. Für ein Programmheft der Ruhrtriennale sah sich die Essener Krupp-Stiftung jedoch nicht im Stande, ein historisches Foto des ehemaligen Kruppschen Stammsitzes, der Villa Hügel, zu liefern.

Wie sie den Intendanten Gerard Mortier wissen ließ, könne die Unternehmer-Dynastie mit Viscontis künstlerisch verfremdetem Stoff nicht gemeint sein, der jetzt als gelungene Theaterfassung in einer ausgedienten Duisburger Industriehalle als Festivalpremiere zu sehen war.

Das Theaterensemble Hollandia aus Eindhoven brachte das bis heute brisante und aktuelle Spiel um Macht und Moral somit gleichsam an seinen „Originalschauplatz”, ein monströses Industriewerk an der Ruhr, zurück.

Dichte Inszenierung dauert zweieinhalb Stunden

Das Drama um Verstrickungen der Familie „von Essenbeck” in Intrige, Mord, Verrat und Verfolgung erhält dadurch einen Reiz, den es als Mortiers „Mitbringsel” aus Salzburger Festspielchef-Zeiten dort nicht gehabt haben kann.

Das Krupp-Signet der drei verschlungenen Ringe an der Bühnen-Hallenwand, mehr Menetekel als Dekoration, wäre bei der Premiere an der Ruhr als Memento kaum nötig.

Doch zum außergewöhnlichen Erlebnis wird die trotz ihrer Länge überaus dichte zweieinhalbstündige Inszenierung von Johan Simons und Paul Koek durch die geschickte Umsetzung der ursprünglich filmischen Mittel und den intelligenten Einsatz des neunköpfigen Ensembles, das abwechselnd in die Rollen von 20 Akteuren schlüpft.

Die NS-Uniformjacke mit Hakenkreuz-Armbinde, die rasch gegen eine elegante Smokingjacke getauscht wird, signalisiert deutlich die fließenden Grenzen von Gut und Böse, wenn zum Machterhalt von Sippe und Firma Pragmatismus zum Opportunismus und zum willfährigen Tanz mit dem Teufel geworden ist.

Herausragend hier der in den Niederlanden prominente Schauspieler Jeroen Willems, der gleich drei Generationen von Konzern-Direktoren verkörpert.

Tribut an Viscontis Kinofassung: Oft spielen - wie bei raschen Filmschnitten - gleich mehrere Handlungen auf der Hallenbühne, auf der eingesprochene Regieanweisungen oder das Scheinwerferlicht den Zuschauern die Orientierung ermöglichen. Dennoch bleibt die Aufführung spannend.

Raues Spiel unter dem Stahlgestänge

Das unter rauem Stahlgestänge bewusst raue Spiel erhält durch den niederländischen Akzent der Akteure, oft fast knarzend über Mikro verstärkt, einen zusätzlich verfremdeten Reiz.