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Berlin: Hitlers Auge oder Filmkünstlerin: Leni Riefenstahl wird 100

Berlin : Hitlers Auge oder Filmkünstlerin: Leni Riefenstahl wird 100

Die Tänzerin, Schauspielerin, Regisseurin und Fotografin Leni Riefenstahl wird am 22. August 100 Jahre alt. Längst hat die eigenwillige Frau hinter der Kamera, die mit ihrem Debut 1932 die erste deutsche Filmregisseurin wurde, Filmgeschichte geschrieben.

Mit ihrem an Superlativen so reichen Leben ist sie eine der widersprüchlichsten und umstrittensten Künstlerpersönlichkeiten der vergangenen 100 Jahre.

Welchen Titel würde Leni Riefenstahl einem Film über sich selbst geben? „Geliebt, verfolgt und unvergessen”, antwortete sie der Zeitschrift „Vogue”. War die 1902 in Berlin geborene Kaufmannstochter in ihrer Heimat nach 1945 lange Zeit eher eine Ausgestoßene, zählte das amerikanische „Time”-Magazin Riefenstahl als einzige Frau zu den „100 einflussreichsten und beeindruckendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts”.

Mit Interesse wird sie in ihrem Haus am Starnberger See verfolgt haben, wie die heftige Ablehnung ihrer Person in den ersten Nachkriegsjahrzehnten zuletzt einer nüchterneren filmästhetischen Bewertung ihrer umstrittenen Filme aus der Nazizeit („Triumph des Willens” 1934 und „Olympia” 1938) wich.

War sie nun „Hitlers Auge”, Regisseurin von Nazi-Propagandafilmen, die „wirkungsmächtige Designerin” schöner Körper und machtvoller Massenaufmärsche - und/oder war und ist sie bei alldem eine wegweisende Filmkünstlerin?
Ganz am Anfang war sie Ausdruckstänzerin und trat bis zu einem Unfall 1927 mit großem Erfolg im In- und Ausland auf.

Schon vorher hatte sie als Darstellerin ihre Liebe zum Film entdeckt, die durch den Bergfilm „Der Berg des Schicksals geweckt wurde. Ihr Regiedebüt gab sie 1932 mit der Berglegende „Das blaue Licht”, in der sie selbst die Hauptrolle übernahm - und die Aufmerksamkeit von Hitler erregte, der sie daraufhin mit dem Film zum Nürnberger Parteitag beauftragte. „Das empfand ich als großes Unglück”, erinnert sie sich.

Tatsache ist, dass sie sich schon 1932 an den „Führer” wandte, um ihn „persönlich kennen zu lernen”. Sie hat nie geleugnet, dass Hitler sie beeindruckt hat. Riefenstahl wurde eine der wenigen unverheirateten Frauen, die häufiger bei Hitler zu Gast waren. Nach einem Abend an ihrem Kamin fühlte sie, wie sie später notierte, „daß Hitler mich als Frau begehrte”. Dennoch sei zwischen den beiden immer eine gewisse Distanz geblieben, schreibt Biograf Jürgen Trimborn.

Ihr letzter Spielfilm war „Tiefland”, 1940 bis 1942 gedreht und 1954 mit mäßigem Erfolg herausgebracht. Mit erstaunlicher Hartnäckigkeit bekämpfte sie nach dem Krieg öffentliche Ablehnung sowie Unfälle und Krankheiten mit neuen Aktivitäten, die in einer späten Karriere als Fotografin gipfelten.

„Es ist so, dass ich fast alles in meinem Leben aus Leidenschaft getan habe”, sagte sie der „Vogue”. Ihre 1987 erschienenen Memoiren enden jedoch mit dem Satz: „Es wurde kein fröhliches Buch.” Und ein Filmporträt endet mit der von ihr selbst gestellten Frage: „Wo liegt denn meine Schuld?”

Zwei neue Biografien beleuchten das Leben und die Nachwirkungen Riefenstahls kritisch und kenntnisreich: Jürgen Trimborn: Riefenstahl. Eine deutsche Karriere. Aufbau Verlag, 25 Euro; Lutz Kinkel: Die Scheinwerferin. Leni Riefenstahl. Europa Verlag, 26,90 Euro.