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Freiberg/Speyer: Historische Romane boomen noch immer

Freiberg/Speyer : Historische Romane boomen noch immer

Sie sind längst Stammgäste auf den Bestsellerlisten: Autoren wie Noah Gordon („Der Medicus”), Ken Follett („Die Säulen der Erde”) und Co. haben in den vergangenen Jahren von einem Boom profitiert, der noch immer anzuhalten scheint. Historische Romane finden in Deutschland nach wie vor ein großes Publikum.

Jüngstes Beispiel ist die sächsische Autorin Sabine Ebert, die inzwischen zur Auflagen-Millionärin geworden ist. „Der historische Roman boomt”, sagt der Sprecher des Autorenkreises Quo Vadis, in dem sich rund 100 Autoren solcher Werke zusammengetan haben, Frank Stefan Becker. Am kommenden Wochenende (19. bis 21. September) treffen sich die Quo-Vadis-Mitglieder zu ihrer Jahrestagung in Speyer.

Die Ansprüche der Konsumenten an den historischen Roman sind sehr hoch, selbst Fehler in winzigsten Details verzeiht der Leser kaum. Das weiß auch die Bestsellerautorin Sabine Ebert aus dem sächsischen Freiberg. „Es muss alles stimmen, deshalb ist Recherche sehr wichtig.” Sie wolle sich auf keinen Fall blamieren, sagt die Journalistin und Autorin der „Hebammen”-Romane.

In ihrer Sachsen-Saga wird die Geschichte der 14-jährigen Marthe aus dem Mittelalter erzählt. Als Hebamme und Kräuterkundige ist sie mit Siedlern aus dem Fränkischen nach Christiansdorf unterwegs, dem späteren Freiberg.

Eingebettet ist die private Geschichte der Marthe, die zur Frau wird, ihre Liebe findet und Kinder bekommt, in historisch verbürgtes Geschehen. Neben den erdachten Figuren spielen aus der Geschichte bekannte Personen wie fürstliche Häupter aus dem Geschlecht der Wettiner mit, auch Heinrich der Löwe oder Barbarossa greifen ein. Der auf fünf Romane angelegte Zyklus führt über einen Zeitraum von 30 Jahren. Mit dem gerade herausgekommenem dritten Roman („Die Entscheidung der Hebamme”) konnte Ebert zusammengerechnet die Auflagenmillion knacken.

In ihrem Büro in Freiberg sind in mehreren Regalwänden Material und Bücher über das Mittelalter gesammelt. „Es gibt Bücher über Rechtsprechung, Kleidung, Rüstungen und Heilkunde”, sagt die Journalistin Ebert. Auch biografische Bücher und Akten aus Archiven ziehe sie zu Rate. „Dann helfen mir natürlich Historiker, Münzkundler oder Bergbauexperten”, erzählt Ebert. Selbst die kleinste Borte oder ein Schuh müssten genau in die Zeit passen.

„Alles andere als Detailgenauigkeit würde der Leser übelnehmen”. meint Ebert. Die Erklärung für den Erfolg ihrer Romane findet sie in der Post der Fans. „Die Menschen wollen etwas über ihre Vergangenheit erfahren. Geschichte wird für sie durch die erdachten Figuren, die an existierenden Orten agieren, sehr erlebbar und auch sehr menschlich.” Es überrasche sie immer wieder, wie genau sich die Leser in der Zeit auskennen, wie sehr sie mit dem Leben der Hauptfiguren mitfiebern und daran Anteil nehmen.

Für die Lektorin Christine Steffen-Reimann vom Verlag Knaur ist der Erfolg ihrer Bestseller-Auorin Ebert ein wahrer Glücksfall. „Wir sind immer noch überwältigt”, sagt sie. Romane aus der deutschen Geschichte seien zwar derzeit groß in Mode, aber die „Hebammen”- Romane würden das noch toppen. „Der Leser will mit einer spannenden Story in seine Vergangenheit eintauchen.”

Auch Quo-Vadis-Sprecher Becker sieht zum einen ein gewachsenes Interesse an unterhaltsam aufbereiteter Geschichte als Erfolgsgarant des historischen Romans. Dazu kommt seiner Ansicht nach: „Der Mensch sehnt sich in unserer durchorganisierten Zeit nach dem unmittelbaren Abenteuer.” Historische Romane böten eine Reise in eine Zeit, zu der die Verhältnisse noch klar gewesen seien.

Erstaunlich findet Becker den Erfolg aber auch ein bisschen, weil es Romane über Mittelalter, Römer und Co. deutlich schwerer hätten, in den Medien rezensiert zu werden. „Viele Rezensenten scheuen vor historischen Romanen zurück.” Eine gute Besprechung eines solchen Buches verlange nämlich nicht nur eine literarische Einschätzung, sondern auch eine Kenntnis der beschriebenen Zeit.