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Aachen: Hinter dem Schrillen blitzt der Charme auf

Aachen : Hinter dem Schrillen blitzt der Charme auf

Als hätte die gefeierte Komödiantin das Spielzeit-Motto des Theaters irgendwo erspäht - „Glücklich überleben” - so putzmunter kam Sissi Perlinger auf die Bühne des Aachene Ludwig Forums.

Das überwiegend weibliche Publikum wird erst mal auf Emotionen und Begeisterung eingestimmt. Denn ein anständiger Schlussapplaus mit Jubelpfiffen will ja schließlich geübt sein, weiß die quirlige Entertainerin, die seit fast 20 Jahren ihre kabarettistischen Shows selbst schreibt, choreografiert und „kostümiert”.

Hemmungslos und selbstironisch buhlt das Allround-Talent im selbst kreierten Leoparden-Look um jeden einzelnen Gast im Ludwig Forum, und natürlich springt der Funke über. Das bajuwarische Energiebündel, „Baujahr” 1963, lässt die Raubtierhülle fallen, der kraftvolle Body steht im Body da. Dreieinhalb Oktaven umfasst Perlingers ausgebildete Stimme, mit der sie die verrücktesten Dinge anstellen, aber auch zwischen Rap, Rock und Klassik Liebeslust und -leid trefflich zum Ausdruck bringen kann.

Von „Klausi” verlassen

Als wärs ein Stück von ihr selbst, präsentiert sie sich als „Fräulein Sissinger”, die arme Singlefrau, die, von „Klausi” verlassen, zu neuen Ufern strebt. Herzerfrischend Perlingers Kunst, sich selbst auf die Schippe zu nehmen und den Männern Dinge zu offenbaren, die jene lieber gar nicht wissen möchten - über Frauen und deren absonderliche Sehnsüchte. Da dies wahrlich ein weites Feld ist, hat „Fräulein Sissinger”, das aus der grauslichen „Singledämmerung” herausfinden will, unendlich viele Entfaltungsmöglichkeiten.

Schwups, einmal umgedreht und im Paravent verschwunden, tritt „Frau Schamaninger” hervor, eine weise Schamanin mit Mutterwitz, die die arme kleine Sissi mit neuem Mut erfüllt. Diese Zauberin, wiederum ein Alter Ego von „Fräulein Sissinger” und ihrer Weiblichkeit, führt die Verlassene auf die keineswegs immer schnurgeraden Pfade der Autonomie. Enthüllung und aberwitzige Verkleidung sind schon lange Kult in den beliebten Bühnenshows der begnadeten Komödiantin. Das Clowneske, Überbordende und zuweilen auch Tragikomische sind bei Perlinger wahrscheinlich ein Teil ihrer selbst, mit dem sie sich gleichzeitig preisgibt und doch wieder frei macht.

Auch im neuen Programm geht es um selbst bestimmte neue Wege aus Abhängigkeiten und Liebesweh. Doch hinter all dem ihr oft nachgesagten „Schrillen” , zwischen lasziver „Schlange” und „Disco-Doofie”, blitzt so viel Charme, Intelligenz und Lebenskraft auf, dass sich nicht nur das weibliche Publikum angesprochen fühlt. Ihre Botschaft, der richtige Mann sei - wenn überhaupt - nur im Zusammenspiel von Geistes- und Körperkräften zu finden, wird nur allzu gut verstanden und wirkt trotz aller Deutlichkeit kein bisschen vulgär.