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Aachen: Hinreißend gesungen: Bellinis „Norma“ ein Hochgenuss

Aachen : Hinreißend gesungen: Bellinis „Norma“ ein Hochgenuss

Es gibt ja Ketzer, die finden diese neumodischen Opern-Inszenierungen sowieso ganz furchtbar. Meistens spielt da die Hunderte, wenn nicht Tausende Jahre alte Story heute oder in den 50ern. In Aachen bleibt Bellinis „Norma“ dieses Schicksal erspart. Auf eine Inszenierung wurde verzichtet, sie erklingt konzertant.

Weil Händels „Orlando“ gewissermaßen von der überaus nachgefragten „West Side Story“ in die kommende Spielzeit verdrängt wurde, klaffte eine Lücke von vier Vorstellungen im Opernspielplan.

Damit die Abonnenten nicht zu Hause bleiben müssen, kriegen sie eine der bekanntesten Belcanto-Opern eben nur auf die Ohren. Zu sehen ist nämlich nichts — außer dem Sinfonieorchester Aachen, dem stattlichen Ersten Kapellmeister Justus Thorau am Pult, sechs Polstersesseln über dem abgedeckten Graben und einer Galerie für den Chor vorm nachtblau illuminierten Hintergrund.

Natürlich ist so ein Singen an der Rampe brutal. Die Sänger klingen noch purer, ungeschützter als in der Szene, kein den Schall verstärkender Raum umgibt sie, keine schauspielerische Geste kann (bis auf kleine Andeutungen) den Ausdruck der Stimme unterstützen. Dass das Aachener Ensemble auf einem guten Niveau unterwegs ist, wurde bei der Premiere dennoch deutlich.

Gerade Sanja Radisic gestaltet die Adalgisa-Partie äußerst emotional und reich an klanglichen und dynamischen Facetten. Irina Popova hat als Norma natürlich die größere Partie zu stemmen, ihre Cavatine „Casta diva“ gelingt hinreißend, mit Gänsehaut-Garantie.

Aber ihren reich glühenden Farben hätten ein paar zusätzliche Schattierungen gutgetan. Neben den kleinen Partien, die Patricio Arroyo (Flavius) sehr präsent und Rosemarie Weissgerber (Klothilde) zuverlässig gestalten, merkte man besonders den Männerstimmen das Fehlen der Szene an.

Publikumsliebling Woong-jo Choi als Orovisto lässt sein großes Bass-Organ nach Belieben donnern, allein: Mehr als die eine, zugegeben wunderbare Farbe, hat er nicht. Und Johan Weigel, der als Tenor die große, wunderbar zerrissene Pollione-Partie gestalten darf, bleibt merkwürdig farblos. Sein Gesangs-Instrument steht immer unter Hochdruck, aber ihm fehlen fast vollkommen die Obertöne. Das ist schon ein Phänomen.

Dass sich alle sechs den üppigen Schluss-Beifall des Premierenpublikums verdient haben, steht dennoch außer Frage. Und der Opernchor, der vielleicht besonders unter den akustischen Verhältnissen zu leiden hatte, ebenfalls. Denn Bellinis „Norma“ ist eine große Sache, wunderbar dramatisches Belcanto.

Weitere Aufführungen: 30. Mai, 25. Juni, 3. Juli.