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Köln: „Heilige Vögel” in den Türmen der Felsbiotope

Köln : „Heilige Vögel” in den Türmen der Felsbiotope

Man sieht sie nicht, und doch sind sie da. „Ich höre sie oft in meiner Wohnung”, sagt Dombaumeisterin Barbara Schock- Werner. „Die haben einen ganz charakteristischen Schrei.”

Hüttenmeister Uwe Schäfer hat kürzlich einen abgerissenen Taubenflügel auf dem Nordturm gefunden: „Ziemlich blutig.” Das waren sie natürlich auch. „Ja, sie sind hier”, sagt Claus Doering. Er meint die Wanderfalken, die großen Raubvögel, die er 1979 auf dem Kölner Dom angesiedelt hat. Von dort haben sie sich mittlerweile über ganz Nordrhein-Westfalen ausgebreitet.

Doering wird seitdem nur noch „der Domfalkner” genannt, auch wenn es ein solches Amt oder einen solchen Titel eigentlich gar nicht gibt. Der 86-Jährige geht in der Dombauverwaltung ein und aus wie ein fester Mitarbeiter. Er ist ein lebenslustiger, fröhlicher Mensch, den auch mehrere schwere Krankheiten nicht aus der Bahn geworfen haben. „Ich habe mir allerdings angewöhnt, nur noch Termine für die nächsten zwei Wochen zu machen. Man weiß ja nie.” Dabei blitzen seine Augen.

Doering hat sich schon als Kind für Falken begeistert. „Warten Sie mal”, sagt er und kramt in seiner Aktentasche herum, um nach einiger Zeit ein vergilbtes Foto hervorzuziehen, das ihn als 15-Jährigen mit zwei Wanderfalken auf der Hand zeigt. „Ich war der jüngste Falkner im Deutschen Falkenorden.” Später engagierte sich Doering als Vogel- und Naturschützer.

Ende der 70er Jahre kam er auf die Idee, den Wanderfalken wieder an Rhein und Ruhr heimisch zu machen. Damals qualmten dort noch die Industrieschlote, und die Natur war überall auf dem Rückzug. Das Vorhaben, einen so großen Raubvogel mit einer Flügelspannweite von 1,10 Metern neu anzusiedeln, erschien vielen so exotisch wie heutige Vorschläge, in Teilen Deutschlands wieder Wölfe oder Bären umherstreifen zu lassen.

Doch Doering ließ sich von den Skeptikern nicht irremachen: „Einem Vogel einen Lebensraum zurückzugeben, das ist doch fantastisch. Und das in dieser kaputten, zugebauten Landschaft.”

Die große Frage war: Wo genau sollten die ersten Jungtiere ausgesetzt werden? „Ziemlich bald bin ich darauf gekommen, dass sie auf dem Dom praktisch ideale Bedingungen vorfinden würden. Denn im Grunde genommen ist der Dom ja ein Felsbiotop.”

Der Wanderfalke - Falco Peregrinus - ist ein Felsbrüter und bewohnt in erster Linie gebirgige Landschaften und Steilküsten. Das Kölner Steingebirge von Menschenhand mit seinen Zacken, Spalten und Spitzen kommt dem natürlichen Lebensraum der Vögel sehr nahe. Zudem ist auch für reichlich Beute in der näheren Umgebung gesorgt, denn der Rhein ist eine wichtige Orientierungslinie für Zugvögel, so dass sie in großen Schwärmen am Fluss entlangfliegen.

Mit seinem ungewöhnlichen Anliegen wandte sich Doering an Dombaumeister Arnold Wolff - und hatte Erfolg. Wolff spielte mit, weil er das Projekt durchaus auch unter dem Gesichtspunkt der Denkmalpflege als wertvoll betrachtete: Stichwort biologische Schädlingsbekämpfung. Die Falken sollten die Tauben kurz halten, die dem Bauwerk enormen Schaden zufügen. „So ein Wanderfalke schlägt jeden Tag eine Taube”, sagt Doering.

Er legt ein anderes Schwarz-Weiß-Bild auf den Tisch. „Hier, das ist das allererste Pärchen gewesen. Agrippina und Arnold hießen sie; Agrippina nach der in Köln geborenen Mutter des römischen Kaisers Nero und Arnold nach dem Dombaumeister.” Die beiden Tiere waren gezüchtete Vögel, die Doering von einem Professor aus Berlin bekommen hatte.

Hoch oben auf dem Nordturm - dem Turm ohne Besucherplattform - setzte er sie aus. Aber damit war es nicht getan. Die Jungvögel konnten noch lange nicht selber jagen - sie mussten gefüttert werden. Jeden Nachmittag nach Feierabend stieg Doering den Turm hinauf. „Ich hatte eigene Schlüssel und kannte da jeden Stein.

Noch heute schafft er es ohne Klagen und Stöhnen die 509 Stufen auf den Turm hinauf. Die 86 Jahre sind ihm nicht anzumerken. „Hier wars”, sagt er zufrieden und blickt sich um. Seine Jacke weht im Wind. „Hier war ich damals täglich.” Nur gut, dass er in dieser Zeit als Bildmeister und Regisseur beim WDR gleich gegenüber sein Büro hatte.

In seinem Wagen in der WDR-Tiefgarage lagerte er das Futter für die Falken - Lebendfutter! „Ich hatte die Taube einfach in einer Tasche”, erinnert er sich. Und wie hat er sie dann...? „Man reißt einfach den Kopf ab. Davon merken die gar nichts. Ja, ich weiß, das können die meisten heute nicht mehr, noch nicht mal die Biologen. Aber ich bin Agraringenieur, da gehört Hühnerschlachten dazu.”

Über die lebenden Tauben im Funkhaus hat damals niemand etwas gesagt, soweit es Doering noch weiß. Man war auch schon daran gewöhnt, dass er immer mal wieder in Begleitung von Tieren erschien; so war Doering der erste, der Pferde im Fernsehstudio auftreten ließ. Die Tauben holte er sich von Züchtern.

Nach vier oder fünf Monaten fand er erstmals Reste eines Beutetiers, das von den Falken selbst erlegt worden war. Da wusste er, dass es geschafft war. Nach einiger Zeit stellte er das Zufüttern ein, und das erste Falkenpärchen Nordrhein-Westfalens überlebte aus eigener Kraft mitten in der Großstadt. „Naturwunder in Köln”, titelte eine Zeitung. Schon bald suchten nicht nur Ornithologen mit Ferngläsern und Teleobjektiven nach den „heiligen Vögeln” zwischen Kreuzblumen, Fialen und Statuen. Die Falken wurden zur Attraktion.

Auch Doering behielt seine Ziehkinder und deren Nachkommen im Auge. Für Experten interessant war unter anderem das breite Spektrum ihrer Beutevögel: Regenbrachvögel und Küstenseeschwalben, Goldregenpfeifer und Zwergtaucher. „Dass die Goldregenpfeifer hier überwintern, das wusste man bis dahin nicht”, sagt Doering. Um den Falken das Brutgeschäft zu erleichtern, baute er ihnen am Turm einen Horst. „An der Ostseite, damit kein Regen reinkommt. Der Westen ist ja die Wetterseite.”

Wichtig war, dass die Falken eine breite Anflugschneise hatten, denn sie fliegen sehr schnell und haben oft große Brocken in den Klauen. Im normalen Flug bringen sie es auf etwa 70 Kilometer pro Stunde, im Sturzflug auf bis zu 250. „Das pfeift richtig, wenn die runtergehen, das kann man hören.” Jagen können die Falken nur im Flug: Aus oft großer Höhe stoßen sie auf den Beutevogel hinunter, packen ihn dann von unten am Brustgefieder, durchstoßen ihm mit dem Schnabel das Genick und schleppen ihn in den Horst.

Im New Yorker Central Park hat sich ein Habicht schon mal auf einen Chihuahua gestürzt: Dank des beherzten Eingreifens der Umstehenden kam das Schoßhündchen mit dem Schrecken davon. Solche Szenen haben sich in Köln noch nicht abgespielt - Wanderfalken sind am Boden sogar relativ hilflos. Doering: „Da könnte eine Amsel einen Falken verjagen, und wenn sie ihre Jungen verteidigen muss, dann macht sie das auch.”

Hin und wieder ist es vorgekommen, dass ein noch nicht flugtüchtiger Jungfalke auf der Domplatte saß und Hunderte von Schaulustigen um ihn herumstanden. „Die muss man dann immer aufnehmen, sonst kommen sie da nicht mehr weg.”

Heute gibt es wieder 75 Wanderfalkenpaare in Nordrhein-Westfalen, und viele davon stammen von Agrippina und Arnold ab. Es ist erst die fünfte Generation, denn Falken werden 20 bis 30 Jahre alt. Ausgerechnet auf dem Kölner Dom aber haben die Falken seit einigen Jahren keine Jungen mehr ausgebrütet. Der Nordturm kommt nicht mehr infrage, weil er für Restaurierungsarbeiten teilweise eingerüstet ist, und am Südturm ist es ihnen der Besucher wegen zu unruhig. Zwar haben sie dort in einem von Doering angebrachten Horst noch eine Zeit lang gebrütet, aber ohne Erfolg: „Die kleinste Störung reicht schon, dann wird da nichts draus.” Deshalb ist das Falkenpaar vom Dom mittlerweile auf den benachbarten Turm von Groß St. Martin ausgewichen.

Doering ist im übrigen schon lange nicht mehr auf die Falken fixiert, sein Interessensgebiet hat sich mit den Jahren immer mehr erweitert. Was ihn fasziniert, ist die heutige Kölner Stadt-Serengeti, in der Fischreiher seelenruhig über die Einkaufszone fliegen, Stockenten auf der Fensterbank brüten und ein Citybewohner den Sperbern ins Nest blickt. „Die Stadtökologie ist heute eine Wissenschaft für sich”, meint Doering.

Auch der Klimawandel beschäftigt ihn. „Er macht sich auch im Vogelzug bemerkbar. Die Kraniche fliegen immer später nach Süden und kommen immer früher zurück.” Diese Entwicklung in den Griff zu bekommen, das sei in der Tat die vordringliche Aufgabe der nächsten Jahrzehnte. Doering selbst hat seinen Beitrag zum Klimaschutz schon geleistet. In seinem Wohnort Wesseling bei Köln hat der alte Mann 30.000 Bäume gepflanzt.