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Aachen: Hausbesuch im Straßenbegleitgrün

Aachen : Hausbesuch im Straßenbegleitgrün

Chancen auf Heilung? Gerhard Schmidt schüttelt den Kopf. Sein Patient ist krank, sehr krank. Obwohl er kräftig, groß und gut gewachsen ist, nagt ein Feind an der Gesundheit. Diagnose: Pilzbefall. Letal, mit tödlichem Ausgang. „Es sieht nicht gut aus”, sagt Schmidt nach einem erneuten Blick auf das Ultraschallbild, mit dem er einen Einblick ins Innenleben erhält.

Einen Blitzschlag steckte der Patient weg, er wurde angefahren, mehrfach sogar. Die Regeneration sei erstaunlich, findet Schmidt. „Er hat sich gewehrt - immer wieder.” Doch nun sieht es düster aus. Vermutlich wird in naher Zukunft eine Kettensäge die Lebenserwartung der Eiche an der Kreisstraße 1 zwischen Herzogenrath-Kohlscheid und Würselen-Bardenberg drastisch verkürzen.

Daran können auch Baumkontrolleur Gerhard Schmidt und seine Kollegen vom Landesbetrieb Straßenbau nichts ändern. Baumdoktoren werden Schmidt und seine Kollegen im Volksmund genannt. Doch nicht immer haben sie eine rettende Medizin für ihre Patienten, für die Kastanien, Linden, Platanen und Ebereschen am Straßenrand. Was von geschätzten 80 Jahren Daseins an der Kreisstraße 1 zwischen Kohlscheid und Bardenberg übrig bleiben wird: Brennholz.

Oder Häcksel für den Garten, Biomasse für ein Kraftwerk. 18 Meter hoch, 3,20 Meter Stammumfang - besiegt von einer sich im Stamm ausbreitenden Pilzerkrankung, die die deutsche Eiche in die Knie zwingt. „Die Verkehrssicherheit ist irgendwann nicht mehr gewährleistet”, sagt Baumkontrolleur Lothar Bungart. Darum geht es: Die Verkehrssicherheit der amtlich Straßenbegleitgrün titulierten Bäume zu untersuchen, um so Sicherheit für Menschen zu garantieren.

Meist genügt die Sichtkontrolle

Fällt die Diagnose eines Baumdoktors negativ aus, fällt auch der Baum. Ein kontrollierter Fall, damit der Baum nicht irgendwann auf einen Passanten kippt, oder vor ein Auto. „Ziel ist aber, jeden Baum möglichst zu erhalten”, sagt Bun- gart. Wie der Arzt zu seinen Patienten hat auch der Kontrolleur zu seinem Gehölz eine Beziehung. Er trägt Verantwortung. Folglich geht es nicht um Zerstörung und Kettensägen-Massaker am Straßenbegleitgrün. Vielmehr um Landschaftspflege, um Landschaftsgestaltung und Naturschutz. Nur 50 bis 60 Bäume wurden deswegen im vergangenen Jahr gefällt.

Etwa 18.000 Bäume betreuen die Kontrolleure Lothar Bungart, Bernd Walter und Josef Thomas in der Region. Zweimal im Jahr schauen sie sich jeden einzelnen an. Wie steht es um die Vitalität? Hängen Äste herab? Verfärben sich die Blätter oder Nadeln? „Meist genügt eine Sichtkontrolle”, erklärt Lothar Bungart. Einmal mit, einmal ohne Laub. 100 Bäume pro Tag schafft dann jeder Kontrolleur.

An der Kreisstraße 1 dauert die Untersuchung diesmal länger, da Spezialist Gerhard Schmidt vom Stützpunkt Gelsenkirchen ein Ultraschallgerät mitgebracht hat. An acht Messpunkten treibt der Ingenieur vorsichtig Messsonden ins Holz. Achtmal hämmert er danach auf die Messpunkte, achtmal wird ein Schallsignal durchs Holz getrieben und bildet das Innenleben des Stammes ab. Ein zunehmend morsches Innenleben. „Der Baum hat uns schon länger Sorgen gemacht”, sagt Bungart. Nach einer Kontrolle wurde daher eine eingehende Untersuchung angeordnet. Bungart holt einen Computer aus dem Kofferraum seines Dienstwagens, trägt die Ergebnisse ein und aktualisiert das Krankenblatt seines Patienten.

Alter,Höhe,Kronen-Durchmesser

Seit 2006 sind die Baumkontrolleure in NRW unterwegs. Ein Unikum in Deutschland. Sie machen Streckenkontrollen, prüfen die Sicherheit von Bäumen nach Unfällen, Stürmen oder Blitzeinschlägen und untersuchen die Gewächse nach Auffälligkeiten. Im Krankheitsfall legen die Baumdoktoren einen Behandlungsplan fest und kontrollieren die Erfolge. Von der Schädlingsbekämpfung bis zum Verarzten von offenen Wunden nach Verkehrsunfällen.

Im Büro gehen die entsprechenden Aufträge automatisch an Mitarbeiter des Straßenbetriebs oder an externe Firmen. „Wir legen derzeit ein digitales Baumkataster an, um die Pflege und Kontrolle zu systematisieren”, erklärt Lothar Bungart die Funktion der tragbaren Computer samt Satellitennavigation.

Art, Alter, Höhe, Kronen-Durchmesser, Schäden, genaue Position - die Liste der erfassten Daten ist lang. „So erreichen wir einen höheren Standard”, sagt Bungart. Zudem hilft das System, den Wert einzelner Bäume zu ermitteln. Nach Verkehrsunfällen machen die Kontrolleure den Schaden geltend - „auch als Teilsumme, wenn der Baum nur beschädigt wurde”, sagt Bungart. Ein Straßenbaum bringt es auf 3000 bis 4000 Euro Wert.

Manchmal verschickt auch der Baumdoktor saftige Rechnungen.