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Aachen: Hartmut Engler: „Nicht alle wollen Akustikmüll”

Aachen : Hartmut Engler: „Nicht alle wollen Akustikmüll”

Pur zählt zu den erfolgreichsten deutschen Bands. Ihr neues Album „Was ist passiert?” präsentiert sich textlich emotionaler und musikalisch kompromissloser denn je.

Am 16. und 17. Oktober startet Pur die neue Tournee in der Kölnarena . AZ-Mitarbeiter Michael Loesl traf Pur-Frontmann Hartmut Engler zu einem Gespräch.

Ihr neues Album klingt wie eine Huldigung an Ihre Vorbilder wie Genesis. War deren Musik besser als die heutige Popmusik?

Engler: Wir sind damals dank Bands wie Genesis zu Musikbegeisterten geworden, weil deren Musik sowohl textlich als auch musikalisch eine starke emotionale Bedeutung hatte. Wenn ich mir heute die Charts angucke, dann dient Musik zur Hüftschwung-Animation. Möglichst schneller Genuss, tanzen, jubeln und weg damit. Musik hat keine Bedeutung mehr. Die Jugendlichen wachsen nicht mehr damit auf, dass Musik wirklich zu mehr dienen kann als dazu, schnell reich und berühmt zu werden.

Stört dieser Umstand die reichen Popmillionäre von Pur wirklich noch?

Engler: Uns stört das insofern, als dass es kaum noch musikalische Vielfalt gibt. Und weil junge Menschen nachwachsen, denen kaum noch Musik geboten wird, die ihnen noch etwas bedeuten kann. Das ist aber inzwischen ein Gesamtgesellschaftliches Problem, weil den Leuten fast nur noch billiger Zeitvertreib vorgesetzt wird.

Nehmen Sie nur die ganzen TV-Shows, in denen nach sogenannten Stars gesucht wird. Dabei geht es nur darum Plattenfirmen, Produzenten und Fernsehsender zu befriedigen.

Verkaufen Pur so viele Platten, weil sie für viele Leute eine Alternative dazu darstellen?

Engler: Es gibt wahnsinnig viele Leute, die nur darauf warten, dass mal wieder eine Platte rauskommt, die ihnen wirklich noch etwas bedeutet. Das zeigt ein Grönemeyer, und das zeigen auch hoffentlich wir wieder. Denn nicht alle wollen nur mit Akustikmüll vollgestopft werden.

Die meisten Ihrer Songs schreiben Sie zusammen mit dem Keyboarder Ingo Reidl. Wie funktioniert Ihre Zusammenarbeit?

Engler: Wer mich kennt weiß, dass ich immer ziemlich viel Privates in meine Texte packe. Ingo ist einer meiner besten Freunde, mit dem ich auch viel über Privates rede. Er hat mir für dieses Album Musik geschrieben, von der er dachte, dass sie meiner Gefühlslage am nächsten kommen würde. Das hat so gut funktioniert, dass wir uns mit diesem Album regelrecht runderneuert fühlen.

Welche Geschichte steckt hinter dem Song „Saz”?

Engler: Die Nordoff-Robbins-Stiftung bietet in Berlin Musiktherapie für Folteropfer. Wir haben dafür gespendet, und ich habe mir diese Form der Therapie dort angeschaut. Dabei wurde mir von einem Kurden berichtet, der in Syrien gefoltert wurde, nur weil er ein traditionelles Instrument gespielt hat, nämlich die Saz. Ich habe diesen Mann aus Syrien getroffen, mit ihm geredet und er hat uns im Studio ein paar Saz-Klänge eingespielt.

Neben ernsten Songs gibt es aber auch Lieder wie „Doof” auf dem neuen Album. Wie sind Sie darauf gekommen?

Engler: Das war eines der ersten Lieder, die ich für das Album geschrieben hatte. Der Text ist sehr witzig geworden. Es geht darin um die Leute in Talkshows, die sich anpöbeln, beschimpfen und ihre Beziehungskriege dort austragen. Die gehen mir schon lange auf die Nerven.

Können Sie schon etwas über die kommende Tour verraten?

Engler: Wir werden nicht mehr auf der Rundbühne spielen, aber die Konzerte werden nicht weniger spektakulär. Wir haben diesmal eine Bühne entworfen, die nach vorne ins Publikum verläuft und von allen Seiten einsichtbar sein wird.

Außerdem werden wir eine riesige Leinwand hinter die Bühne spannen, was man so von uns bislang noch nicht gesehen hat. Im Vorprogramm wird Tom Albrecht auftreten. Das ist ein junger Musiker, der sehr talentiert ist und beweist, dass man sich nicht zum austauschbaren TV-Deppen machen lassen muss, um Erfolg haben zu können.